Bestatter

Hans-Jörg, 55 Jahre alt mit Wohn- und Arbeitsort in Thun, begleitet als Bestatter Angehörige von verstorbenen Menschen auf einem schwierigen Wegstück.

Der Mensch spielt in meinem Beruf tagtäglich die Hauptrolle. Ich dagegen übernehme eine Nebenrolle als Berater, in welcher ich meiner Kundschaft Möglichkeiten aufzeige, um den verstorbenen Personen die letzte Ehre zu erweisen und würdevoll Abschied zu nehmen.

Unter die Verantwortungen eines Bestatters fallen die Bergung, Überführung zum Aufbewahrungsort, die Aufbahrung und die Überführung zum Ort der Kremation oder Erdbestattung einer verstorbenen Person. Zur Unterstützung der Trauernden gehört ausserdem das Ausfüllen von administrativen Formalitäten, die Organisation und Begleitung von Trauerfeiern und Bestattungen sowie die Gestaltung von Leitzirkularen und Todesanzeigen zum Aufgabenbereich, wozu in Vor- und Hauptgesprächen wichtige Details vereinbart werden. Die Gespräche werden auf Wunsch der betroffenen Personen an einem beliebigen Ort oder im Geschäft geführt. In ruhigen Momenten kümmere ich mich nebenbei noch um die Reinigung des Geschäfts und des Leichenwagens.

In meinem Beruf bin ich an einigen Vorgaben gebunden. Nach Gesetz müssen einige Formalitäten, wie beispielsweise die Abmeldung der verstorbenen Personen beim Zivilstandesamt, innert 24 Stunden nach dem Todeszeitpunkt erledigt werden. Zudem ist eine Erdbestattung oder Kremation im Kanton Bern nicht vor 48 Stunden gestattet, was vermutlich Überlieferungen entstammt.

Mein offizieller Arbeitstag beginnt normalerweise um 08:00 Uhr. Jedoch empfange ich als Bestatter zu jeder Tageszeit Kundschaft, weshalb ich 365 Tage im Jahr angebunden bin. Somit richtet sich mein Tagesablauf nach meinen Kunden, welche vorangemeldet oder spontan Kontakt mit mir aufnehmen und individuelle Wünsche pflegen. Auch beanspruchen Krankenhäuser, Altersheime oder in speziellen Fällen die Polizei meine Dienstleistungen. Für die Polizei rücke ich bei Leichenfunden, Tötungsdelikten und Suizidfällen aus und fahre bei Unklarheiten ins Institut für Rechtsmedizin. Vor allem bei Suizidfällen ist eine Abhängigkeit der Jahreszeit spürbar. So werden im Frühling und Sommer mehr Selbstmörder geborgen, als in den kalten und tristen Jahreszeiten, in welchen sich depressive Menschen wohler fühlen.

Ursprünglich habe ich eine Ausbildung zum Gärtner auf dem Schorenfriedhof in Thun absolviert, in welcher ich oberflächlich schon mit Personen aus meinem jetzigen Beruf in Kontakt gekommen bin. Zu meinem Aufgabenbereich haben neben normalen Gärtnerarbeiten auch die Aushebung und Schliessung von Erdgräbern, die Öffnung und Schliessung von Urnengräbern und die Gräberbepflanzung gezählt. Schon zu dieser Zeit habe ich den Wunsch gepflegt, im höheren Alter als Bestatter zu arbeiten. Nach meiner Lehrzeit habe ich jedoch circa acht Jahre als Gärtner bei der psychiatrischen Klinik in Münsingen gearbeitet und später in den Beruf des vollamtlichen Siedlungswarts gewechselt, welchen ich erneut ausführen würde, wenn ich nicht länger die Chance hätte, Bestatter zu bleiben.

Aufgrund eines Zeitungsinserates habe ich mich daraufhin als Piketfahrer bei einer Bestattungsfirma beworben und bin etwa ein Jahr lang nachts mit einem Vollzeitbestatter ausgerückt. Nachdem eine Stelle als Bestatter im selben Unternehmen frei geworden ist, bin ich schliesslich als solcher angestellt worden.

Heute bin ich als selbständig angestellter Geschäftsleiter tätig, was bedeutet, dass ich zwar angestellt bin, jedoch die Geschäftsleitung der Bönzli Bestattung in Thun in meiner Verantwortung liegt. Mein Chef betreibt eine Sargfabrik.

Eine spezielle Ausbildung musste ich nicht abschliessen. Ein Bestatter erlernt seinen Beruf direkt bei der Ausführung der Arbeiten.

Der Beruf des Bestatters bietet einige Herausforderungen, die es würdig anzugehen gilt. Aus diesem Grund empfehle ich die Arbeit in diesem Beruf erst ab 40 Jahren. Ich bin jedenfalls froh um die bisher gesammelte Lebenserfahrung und sehe auch einen Todesfall in der eigenen Familie als unterstützende Erfahrung für die Arbeit mit trauernden Angehörigen. Der angemessene Umgang mit verschiedensten Menschen, gerade auch in schwierigen Zeiten, sollte einem Bestatter im Blut liegen. Nicht selten ist der Arbeitstag gefüllt von psychisch und körperlich belastenden Situationen, für welche nicht jeder Mensch geschaffen ist. So beschäftigen mich gelegentlich Todesfälle von Kindern, welche ihren Lebensweg nicht vollständig erleben durften und ebenso Todesfälle von Personen, welche mich an mir liebgewordene Menschen erinnern. Ausserdem stosse ich hin und wieder an körperliche Grenzen. Die würdigen Bergungen von grossen, beleibten und muskelbepackten Personen aus oberen Stockwerken gestaltet sich nicht immer einfach.

Um Distanz zu meinem beruflichen Alltag aufzubauen, fahre ich jeden Sommer zusammen mit meiner Frau für drei Wochen nach Elba und gönne mir im Winter oftmals eine Woche Skiferien. Während meinen Ferien habe ich die Stellvertretung mit einem mir nahestehenden Bestattungsunternehmen geregelt.

Ansonsten verbringe ich viel Zeit im eigenen Garten und spiele seit vielen Jahren Theater in der Trachtengruppe Ostermundigen, welche mir die Möglichkeit gibt, durch verschiedene Rollen Abwechslung in meinen Alltag zu bringen.

Jedoch möchte ich dem Beruf des Bestatters nicht nur Negatives nachsagen. In meinem beruflichen Alltag durfte ich nämlich schon etliche Erfahrungen fürs Leben sammeln. Schnell habe ich gelernt, nicht alles für selbstverständlich zu sehen, schöne Momente zu geniessen, sich an kleinen Dingen zu erfreuen und anderen Menschen ab und zu eine Freude zu bereiten. Mir gefällt mein Beruf ohne Wenn und Aber, weshalb ich den gegangen Weg ohne zu zögern wieder gehen würde. Mich fasziniert allem voran der Kontakt mit sämtlichen Arten von Menschen, welche sich beim Verlust einer geliebten Person trotz individuellem Charakter im selben Trauerprozess befinden. Menschen in dieser schwierigen Zeit zu belgleiten und zu unterstützen, ihnen also eine Art von Rückendeckung zu bieten, motiviert mich in meinem Alltag. Als besonders schön empfinde ich, wenn mir Kunden im Nachhinein dankbar, mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Spruch «Sie sehen wir nicht gerne, aber die Arbeit mit ihnen war sehr angenehm» begegnen.

Der Tod ist ein ständiger Begleiter, welcher vielen Menschen Angst bereitet. Ich vergleiche unser Leben mit einer Blumenwiese, welche wächst, blüht und abgemäht wird. Wir werden geboren, entwickeln uns zu einem erwachsenen Menschen und versterben früher oder später. Was nach dem Tod auf uns wartet, bleibt eine individuelle Vorstellung, die es zu respektieren gilt. Weitere Informationen:
http://www.boenzli-bestattungen.ch


 Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf des Bestatters / der Bestatterin?

10 Gedanken zu „Bestatter“

  1. Nachdem ich bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Kriseninterventionsteam oft mit BestatterInnen zu tun hab, weiß ich, was für ein anspruchsvoller, aber auch würdiger Job das ist. Pietät zu wahren und dennoch nicht alles zu nah herkommen zu lassen ist schon eine Herausforderung. Ein Freund hat vor Kurzem auch den Beruf des Bestatters ergriffen und ist sehr glücklich darüber – man lernt wirklich, jeden Tag zu schätzen.

    1. Liebe Barbara, danke für deinen Kommentar 🙂 Schön, dass du deine Erfahrungen / Meinung hier teilst. Ich habe grosse Achtung vor den Bestattern. Ein Beruf, der einem sicherlich etwas abverlangt und trotzdem unendlich wichtig ist.

  2. Wow, wirklich wieder spannenden Einblicke in einen nicht so gängigen Beruf. Ich kenne zumindest keinen Bestatter persönlich. Danke für den interessanten Beitrag!

    1. Liebe Julie, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Schon beim Aufbau meines Blogs wusste ich, dass ich unbedingt einen Bestatter befragen möchte. Ich freue mich sehr, dass dir der Beitrag gefällt.

  3. Hallo Petra, das ist eine sehr interessanter Blog, den Du hier online gestellt hast. Ich finde es immer sehr interessant, was andere so für Jobs haben und wie dann deren Alltag aussieht. Wo gibt es schon einen echten Einblick in das Arbeitsleben eines Bestatters?

    1. Lieber Wolfgang, herzlichen Dank für dein Feedback 🙂 Es gibt so viele verschiedene Berufe, die wir vielleicht gar nicht kennen. Ich freue mich meinen Lesern einen kleinen Einblick zu ermöglichen.

  4. Das klingt nach einem sehr taffen Beruf. Neben der körperlichen Arbeit dann auch die psychischen Erlebnisse – ich glaube, dafür braucht man ein dickes Fell.
    Vielen Dank für diesen spannenden Einblick!

  5. Toller Artikel und echt interessante Einblicke! Ich wusste gar nicht, mit was sich Bestatter alles so beschäftigen müssen. Gut, dass solche Leute gibt, die das richtige Mind Set gleich mitbringen. Für mich wäre das nichts, finde es aber beeindruckend, solch einen Beruf zu wählen.

    1. Liebe Tamara, danke für deinen Kommentar 🙂 Ich war auch ganz erstaunt, als ich beim Interview einen ersten Einblick erhalten habe. Auch ich möchte diesen Beruf nicht ausführen.

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