Logopädin

Marilena, 41 Jahre alt mit Arbeitsort in Kirchberg bei Bern, bringt Kindern als diplomierte Logopädin die mündliche und schriftliche Sprache näher.

Mein Beruf ist meine Leidenschaft und somit ein grosser Teil von mir und meinem Leben. An meinem beruflichen Tun faszinieren mich die medizinischen und zwischenmenschlichen Aspekte sowie die Abwechslung. Als Logopädin habe ich die Chance, Menschen bereits ab zweieinhalb Jahren bis ins Erwachsenenalter auf ihrem Weg zur Sprache zu begleiten und ihnen Unterstützung zu bieten. Aktuell begleite ich logopädisch vorwiegend Kinder im Vorschul- bis Kindergartenalter.

Ich therapiere Störungen der mündlichen und schriftlichen Sprache, des Redeflusses, der Stimme, des Sprechens, der Kommunikation, des Lesens und Schreibens sowie des Schluckens. Meine Aufgabe ist es, die Probleme zu erkennen und eine individuelle Therapiemöglichkeit, beziehungsweise Alternativen, zu erarbeiten.

Einen einheitlichen Tagesablauf führe ich nicht. Ich bereite jede Therapiesequenz entsprechend dem momentanen Ziel und der Ressourcen des Kindes vor, richte mich dann aber voll und ganz nach dem aktuellen Befinden des Kindes und lasse mich bezüglich der Entwicklung des Therapieinhaltes überraschen. Mein Angebot besteht aus drei Pfeilern: Der Abklärung, der Therapie und der Beratung. Ausserdem fungiere ich teilweise als Vermittlerin von anderen Therapieformen (z. B. Ergo- oder Physiotherapie), welche nicht selten unterstützend eingesetzt werden können.

Bei der Therapie, welche ich in Deutsch und Italienisch anbiete, gehe ich folgendermassen vor: Vor dem Start mit der Therapie erfolgt zuerst eine gründliche Abklärung des aktuellen sprachlichen Entwicklungstandes des Kindes sowie der Anamnese (Geschichte) des Kindes und der Familie. Dabei suche ich nach möglichen Ursachen der Beeinträchtigung, welche etwa genetische Hintergründe, Probleme bei der Schwangerschaft oder der Geburt, Fälle von Hirnblutungen und Sauerstoffmangel sowie Migrationshintergründe sein könnten. Bereits bestehende Berichte von Ärzten, Erziehungsberatungen, Kitas oder anderen Fachstellen, werden dabei mitberücksichtigt. In einem zweiten Schritt orientiere ich mich anhand von Beobachtungen im Spiel am Entwicklungsprofil der Sprache und führe bei Bedarf spezifische Tests durch. Die Beobachtungen werden in einem logopädischen Bericht festgehalten, welcher mit den Erziehungsberechtigten besprochen wird und als Grundlage für das weitere Vorgehen dient.

Ist das Vieraugenprinzip durch eine offizielle Abklärungsstelle erfolgt, die Finanzierung geregelt und das Vorgehen sowie die Ziele klar und durch die Erziehungsberechtigten bestätigt, beginne ich mit der individuellen, im Vorschulalter meist spielerischen, Therapie. Dabei steht das jeweilige Kind mit der gesamten Persönlichkeit und den eigenen Interessen im Zentrum. Während den einstündigen Sitzungen, welche ein bis zwei Mal wöchentlich stattfinden, wird das Kind darin unterstützt, mit sprachlichen Schwierigkeiten umzugehen und Neues zu lernen. Um Fortschritte zu erzielen, ist gegenseitiges Vertrauen und eine gute Beziehung zum Kind von grosser Bedeutung. Ebenso wichtig sind regelmässige Standortgespräche mit den Erziehungsberechtigten und anderen involvierten Fachpersonen.

Ich bin als selbständig erwerbstätige Therapeutin tätig und teile die Praxis momentan mit einer Arbeitskollegin. Dies und die Tatsache, dass im Kanton Bern grosser Bedarf an Logopädinnen besteht, hat meinen Start in die Selbständigkeit glücklicherweise gut gelingen lassen. Für diesen Sommer sind nun aber einige Änderungen geplant: Ab August 2019 finden mich meine Klienten in meinen eigenen Praxisräumlichkeiten in Kirchberg bei Bern. Warum gerade jetzt ein Neuanfang? Da meine kleinste Tochter ab Sommer den Kindergarten besucht, bin ich flexibler und kann das Arbeitspensum aufstocken. Momentan arbeite ich nämlich nur an zwei Tagen in der Woche. Zudem habe ich nun schon viele Erfahrungen im Beruf gesammelt, habe genügend Klienten und für mich ist es nun der passende Zeitpunkt für diesen mutigen Schritt.

Meine Ausbildung habe ich im Jahre 2003 abgeschlossen. Für mich ist immer klar gewesen, dass ich einen Job im medizinischen oder pädagogischen Bereich ausüben möchte. Aus privatem Anlass habe ich schon in jungen Jahren Zugang zu Informationen über meinen aktuellen Beruf erhalten. Die Logopädie bietet ein spannendes Gemisch aus Medizin und Pädagogik, was mich beides sehr anspricht. So habe ich das Gymnasium besucht und anschliessend ein einjähriges Vorpraktikum in einer sozialen Institution abgeschlossen. Das Studium selber, welches ich in Freiburg (CH) absolviert habe, hat dann sieben Semester mit theoretischem Vollzeitunterricht nach fixem Stundenplan und abwechslungsreichen Kurz- und Langzeitpraktika beinhaltet. Besucht habe ich Fächer wie Sprachentwicklung, Kommunikation, Anatomie, therapeutische Methoden, Diagnostik, Kinderkrankheiten, Entwicklung des Körpers, Recht und Statistik sowie Geschichte der Pädagogik. Praktika habe ich in den Bereichen Lautsprache, Schriftsprache sowie an einer Regelschule und einer Sonderschule mit Schwerpunkt Mehrfachbehinderung absolviert. Mein Hauptpraktikum habe ich parallel in einer Sonderschule für geistig behinderte Kinder und Jugendliche und auf der Neurologischen Abteilung des Inselspitals Bern (mit erwachsenen Patienten) absolviert. Finanziert habe ich die Ausbildung durch verschiedene Nebenjobs, unter anderem mit Tätigkeiten in der Kosmetikbranche.

Die Ausbildung hat sich mittlerweile verändert: Heute besuchen angehende Logopäden und Logopädinnen einen Bachelor Studiengang und können auf freiwilliger Basis noch den Master anhängen.

Ein Vorteil an meinem Beruf ist ganz klar, dass ich das Erlernte im Zusammenhang mit Kindern auch im familiären Alltag anwenden kann. Zudem habe ich gelernt, mich in Geduld zu üben und sehe die Einblicke in andere Familiensituationen sowie die Konfrontation mit der Frage «Wie würde ich dies handhaben?» als Horizonterweiterung. Andererseits helfen mir meine Kenntnisse und Erfahrungen im Muttersein beruflich weiter.

Ich erlebe wirklich viele tolle Momente in meinem beruflichen Alltag. Wunderschön sind natürlich sichtbare Erfolge. Dazu habe ich ein besonders schönes Erlebnis in Erinnerung: Nachdem ein Junge acht Jahre zu mir in die Therapie gekommen ist und sich viele Erfolge gezeigt haben, hat er sich im letzten Schuljahr bei mir von ganzem Herzen bedankt. Heute ist er verheiratet und grüsst mich immer noch herzlich, wenn wir uns irgendwo zufällig begegnen. Andererseits erlebe ich auch etliche schwierige Momente. So ärgere ich mich beispielsweise über Sparmassnahmen im Gesundheitswesen, welche die betroffenen Menschen hart treffen und traure mit, wenn sich der Zustand eines behinderten / kranken Kindes verschlechtert oder einer meiner jungen Klienten gar verstirbt. Umso wichtiger ist die ausspannende Funktion von Freizeitaktivitäten. So widme ich meine Freizeit meiner Familie und meinen Freunden, dem Sport und Wandern, dem Reisen und Wellnessen sowie dem Musik machen. Neuerdings haben wir auch einen kleinen Hund, mit welchem ich mich gerne abgebe.

Müsste ich mich der Berufswahl nach der obligatorischen Schule nochmals stellen, würde ich mich sofort wieder für den bekannten Weg entscheiden. Wäre diese Wahl nicht umsetzbar, würden mich auch die Tätigkeiten einer Kosmetikerin oder anderer pädagogischer/therapeutischer Berufe interessieren. Auch Hochzeitsplanerin würde mich sehr ansprechen. Oder vielleicht würde ich auch einfach ein eigenes Café im italienischen Stil eröffnen. Es hiesse dann wohl «Dolce vita Plan B». Wer weiss? Ich hoffe aber fest, dass ich meinem Traumberuf noch lange nachgehen kann.

Weitere Informationen:
www.vocalis.ch


Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Logopädin / des Logopäden?

20 Gedanken zu „Logopädin“

  1. Man merkt, dass der Job für Marilena mehr als eine Berufung als ein Broterwerb ist. Ich bin Achtsamkeitstrainerin und freue mich auch immer, wenn meine Teilnehmer/innen mir rückmelden, dass sie nach meinem Kurs im Alltag dankbarer und entspannter sind.

    1. Liebe Sarah, danke für deinen Kommentar 🙂 Marilena ist begeistert von ihrem Beruf. Sie geht ihrem Tun mit ganzem Herzen nach. Positive Rückmeldungen geben einem Bestätigung. Daher verstehe ich gut, wenn du dich auch über solche Feedbacks freust.

  2. Ein sehr interessanter Beitrag!
    Ich erinnere mich noch daran, wie meine kleine Schwester zur Logopädin musste und zuhause immer in die Pfeifen gepfiffen hat. Als Kind fand ich das immer total komisch, aber es hat ihr super geholfen und sie hatte schnell den Sprachfehler los.

    1. Liebe Wioleta, danke für deinen Kommentar 🙂 Toll, dass eine Logopädin deiner Schwester helfen konnte. Ich kann mir gut Vorstellen, dass die Übungen komisch erscheinen können.

  3. Ein toller Einblick in die Tätigkeit einer Logopädin. Ein wichtiger und vielfältiger Beruf, der leider aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen immer häufiger benötigt wird. Das macht das Engagement und die Begeisterung für den Beruf so relevant und wichtig.

    1. Liebe Annette, danke für deinen Kommentar 🙂 Da hast du wahrscheinlich recht. Ich bin auf jeden Fall begeistert von dem Beruf und danke allen LogopädInnen für ihr Engagement.

  4. Logopädie finde ich ein sehr spannendes und vielfältiges Berufsfeld. Ich glaube, manchmal wird der Beruf richtig unterschätzt, dabei wird er in der heutigen Zeit immer wichtiger. Als Kind musste ich übrigens selbst auch mal öfter zur Logopädie

    1. Liebe Carry, danke für deinen Kommentar 🙂 Unterschätzt wird der Beruf sicher. Mich beeindruckt aber, wie bekannt der Beruf ist.

  5. Hach, ich freue mich richtig, dass du diesen Beruf vorgestellt hast. Ich wollte auch gern Logopädin werden, ich hatte zwei Praktika dazu gemacht und war voll begeistert von dem Beruf. Leider war das damals mit der Ausbildung nicht so einfach, weil ich dazu hätte Volljährig sein müssen. Und so habe ich erst einmal Abi gemacht und bin schlussendlich was ganz anderes geworden. Doch nach wie vor finde ich diesen Beruf mega spannend.

    1. Liebe Mo, danke für deinen Kommentar 🙂 Deine Begeisterung für diesen Beruf ist toll. Ich hoffe, dass du trotz anderem beruflichen Weg Freude an deinem Tun hast.

  6. Oh das war sehr spannend zu lesen, ich bekomme sehr gerne Einblicke in den Berufsalltag von anderen und ich muss zugeben, bisher konnte ich mir den Beruf der Logopädin nicht so genau vorstellen. Weil ich bisher einfach noch nicht damit in Kontakt gekommen bin. Daher danke für die spannenden Einblicke!

    1. Liebe Britta, danke für deinen Kommentar 🙂 Cool, dass dieser Beruf in deiner engeren Auswahl war. Ich bin mir sicher, du hast stattdessen auch einen spannenden Beruf erlernt.

  7. Ich finde das einen wertvollen Beruf und man merkt einfach wenn ihn jemand von Herzen gerne macht. Vor allem die Kleinen sind so dankbar wenn sie Fortschritte sehen … und bekommen dann auch immer gleich wesentlich mehr Selbstbewusstsein. Denn sie werden ja auch oft gehänselt.

    lg
    Verena

    1. Liebe Verena, danke für deinen Kommentar 🙂 Ich bin überzeugt, dieser Beruf vereinfacht das Leben der Kinder und der Eltern. Wie du geschrieben hast, führen heute schon „Kleinigkeiten“ wie Sprachfehler zu Hänselei.

  8. Ich arbeite wie Marielena als Logopädin und kann bei vielem nur zustimmen, was ich gerade gelesen habe! Die Arbeit mit den Kindern und Erwachsenen ist wirklich schön und man kann sie meist mit gutem Gefühl verabschieden! Gerade bei den Kindern sieht man jeden Fortschritt sofort und das macht dann nicht nur mich, sondern auch die Kleinen glücklich!

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Liebe Jana, danke für deinen Kommentar 🙂 Toll, dass du das gelesene aus eigener Erfahrung bestätigen kannst. Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und Erfolg in deinem Beruf.

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