Geigenbauerin

Anna Barbara, 38 Jahre alt mit Arbeitsort in Thun, ist neben ihrer Arbeit als Geigenbauerin auch in der Freizeit kreativ tätig.

Musik eine Kunst, die die Seele berührt und Kraft schenkt. Umso schöner, wenn die musikalischen Klänge aus dem eigenhändig gespielten Instrument ertönen. In meinem Leben hat das Musizieren schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Persönlich beherrsche ich die Geige, das Cello, die Bratsche und das Horn. Letzteres Instrument habe ich gar studiert.

Die Vorstellung vom Geigenbau ist oftmals rosig und romantisch, schliesslich gilt die Geige als traditionelles Streichinstrument, welcher in vielen berühmten und gefühlvollen Musikstücken die bedeutendsten Parts gewidmet werden. Die Herstellung dieser wunderschönen Instrumente ist jedoch ein hartes sowie zeitaufwändiges Handwerk, bei welchem ganz viel Fingerspitzengefühl benötigt wird. Um hochwertige Violinen herzustellen, arbeite ich nämlich auf Zehntelmillimeter genau. Gemäss einem Arzt, sind die Werkzeuge für dieses Handwerk um einiges schärfer und die Arbeitsschritte exakter, als die seinen. Beeindruckend oder?

Als Geigenbauerin widme ich mich von Dienstag bis Samstag verschiedenen Tätigkeiten. Aufgrund der abwechslungsreichen Aufträgen und Kundenbegegnungen lässt sich mein Tagesablauf mit Ausnahme der fixen Öffnungszeiten nicht definieren. In meinem Beruf wird das Geld nicht unbedingt mit dem Neubau von Instrumenten verdient, sondern vielmehr mit Reparaturen sowie Servicearbeiten zur Werterhaltung. Auch in unserem Familienbetrieb, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), nehmen diese Arbeiten einen hohen Stellenwert ein. Wir sind aber mehr als nur eine Reparaturwerkstatt. Unser grosses Atelier kann schon fast als Musikhaus bezeichnet werden. Bei uns finden die Kunden, sowohl Anfänger als auch erfahrene Musiker, ein grosses Sortiment an Instrumenten. Neben dem Bau und Verkauf von Geigen, Bratschen, Celli, Kontrabässen, Gitarren, Gitalelen, Ukulelen, Blockflöten und Rhythmus-Instrumenten sowie von Zubehör, wie etwa Bögen, Etuis, Hüllen, Saiten, Notenständer und Stimmgeräten, bieten wir unseren Kunden zusätzlich verschiedene Instrumente zur Mietung an. Speziell in meine Verantwortung fällt zudem die Buchhaltung und der Einkauf von Materialien.

In meinem Fall ist es so, dass das private und berufliche Leben ineinanderfliesst. Der familiäre Arbeitsplatz bietet sowohl positive als auch negative Aspekte. So geniesse ich einerseits grosse Freiheiten, spüre aber andererseits Erfolge und ebenso Pleiten direkter als Angestellte in grösseren Geschäften. Deshalb achte ich stets darauf, in meiner Freizeit eine physische und psychische Distanz zum Atelier aufzubauen. An freien Tagen widme ich mich daher, neben der Musik, anderen kreativen Handarbeiten. Ich nähe sehr gerne, verbringe viel Zeit mit Gartenarbeit und geniesse gerne die wundervolle Natur.

Für den Bau von Violinen werden zahlreiche Holzarten aus diversen Ländern verwendet. Ich spreche von Fichtenholz aus der Schweiz, Ahornholz aus Kanada, Ebenholz aus Madagaskar sowie Fernambukholz aus Brasilien. Ausserdem werden Materialien, wie Silber, Gold und vorrätiges Elfenbein verarbeitet. Je nach Material, Qualität und Herstellungsdauer (für eine Geige werden ungefähr 100 Stunden eingerechnet), werden die künstlerischen Streichinstrumente dann unterschiedlichen Preisklassen zugeteilt. Eine Geige kann somit zwischen mehreren Tausend Franken bis hin zu einigen Millionen Franken jeden erdenklichen Preis tragen.

Die Arbeit an bis zu 400 Jahre alten Instrumenten ist mit grosser Verantwortung verbunden und erfordert ein enormes Fachwissen. Ausgelernt habe ich noch lange nicht. Zu meinem Werdegang: Ich bin praktisch in der Geigenwerkstatt meines Vaters aufgewachsen. Trotzdem habe ich den Beruf der Geigenbauerin nicht sofort in Erwägung gezogen. Viel lieber wollte ich eine Karriere als Musikerin oder Architektin einschlagen. Ebenfalls interessiert hätte mich, und tut es immer noch, die Arbeit einer Archäologin. Doch ohne Matura ist die Verwirklichung dieser Träume herausfordernd gewesen, weshalb ich vorerst eine Ausbildung zur Hochbauzeichnerin abgeschlossen habe. Vier Jahre lang habe ich mich also im Zeichnen und Konstruieren von Plänen, Skizzen und Modellen für Bauprojekte geübt. Nach Bestehen der Prüfungen habe ich anschliessend die Berufsmatura und ein Musikstudium abgeschlossen. Während ich einige Zeit auf drei beruflichen Standbeinen gestanden bin, unter anderem als Aushilfe im Geigenbau, habe ich doch noch meine Leidenschaft am alten Handwerk des Instrumentenbaus entdeckt. So habe ich letzten Endes noch eine vierjährige Lehre zur Geigenbauerin absolviert. Neben der praktischen Arbeit im Atelier meines Vaters habe ich die Gewerbeschule und Praktika besucht. Unterrichtet wurde ich in Fächern, wie Materialkunde, Geigenbau-Geschichte, Bautechniken und Zeichnen.

Als ausgelernte Geigenbauerin habe ich nun tagtäglich Kontakt zu verschiedenen Menschen, mit welchen ich einen wertvollen Austausch pflegen kann. Zum Schönsten in meinem Alltag zähle ich daher das Lächeln von zufriedenen Kunden. An meinem Tun fasziniert mich ansonsten ganz klar die Vielfältigkeit sowie das Zusammenspiel von Musik und Handwerk. Selbstverständlich gibt es auch in meiner Tätigkeit einige herausfordernde Momente. Als schwierig betrachte ich beispielsweise die Begutachtung von Instrumenten mit minimalem Wert. Streichinstrumente haben leider den Ruf, werterhaltend zu sein. Somit machen sich viele Kunden grosse Hoffnungen, welche aber meistens in einer Enttäuschung enden.

Auch wenn es in meiner beruflichen Laufbahn mehrere Anfänge gebraucht hat, bin ich mit den getroffenen Entscheidungen zu frieden. Bei einem Neustart würde ich daher keine grossen Änderungen in meinem Werdegang vornehmen. Einzig würde ich allenfalls die Lehre zur Hochbauzeichnerin weglassen.

Ich freue mich nun sehr auf die weiteren Erfahrungen, welche ich als Geigenbauerin sammeln darf, auf zahlreiche unbeschreibliche Kundenbegegnungen sowie auf die Arbeit mit vielen tollen Instrumenten.

Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Geigenbauerin / des Geigenbauers?

24 Gedanken zu „Geigenbauerin“

  1. Wow. Wirklich sehr interessant. Bisher habe ich noch nie genauer darüber nachgedacht, was der Job eines Geigenbauers alles so beinhaltet.
    Toll, dies mal an einem konkreten Beispiel zu lesen. Für mich wäre der Berufszweig wohl nichts, weil ich Handwerklich die totale Null bin. Aber ich finde es dennoch super spannend.

    1. Liebe Mo, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Für diesen Beruf muss man handwerklich schon fit sein und exakt arbeiten können. Ich könnte das auch nicht! Ich finde das Berufsbild aber wie du mega interessant.

  2. Mensch was hast Du nur wieder für einen Beruf für uns gefunden! Total kreativ muss man da auf jeden Fall sein. Ich kann mir auch wirklich gut vorstellen, dass eine Geigenbauerin viel privates mitnimmt, denn irgendwie muss man doch zart besonnen und feinfühlig sein, wenn man sich für etwas so besonderes entscheidet.

  3. Wow, das ist bestimmt ein interessanter Beruf. Mein Enkelkind spielt Geige, aber ich habe mir über die Geige noch nie Gedanken gemacht, bis jetzt . Würde gerne mal über die Schulter schauen, wie sowas funktioniert. Ein sehr interessanter Beitrag.

    1. Liebe Katrin, danke für deinen Kommentar 🙂 Die Geige ist ein tolles Instrument. Ich hoffe, dass dein Enkelkind noch lange Freude an der Musik hat. So eine Werkstatt ist wirklich beeindruckend. Solltest du mal die Chance erhalten, musst du sie unbedingt ergreifen.

    1. Liebe Annette, danke für deinen Kommentar 🙂 Geigenbauerin ist definitiv ein toller und spannender Beruf. Ich bin glücklich darüber, dass ich euch diese Tätigkeit vorstellen durfte.

  4. Ich finde es sehr schön, dass es den Beruf Geigenbauer gibt. Ich stelle mir den Beruf so gerne als alten Handwerksberuf vor, der über Generationen weiter gegeben wird. Ein Beruf der nichts mit Technik zu tun hat und viel Fingerspitzengefühl erfordert. Irgendwie fasziniert mich der Beruf, danke für den Post und dass ich mir mal Gedanken über den Beruf gemacht habe.

  5. Hallo!

    Danke für die tollen Einblicke in diesen Beruf. Ich würde mir ja ins Hemd machen, wenn ich an einem über 100 Jahre alten Instrument etwas machen müsste. Da hat es so viele Kriege, Leid und rauschende Feste überlebt…. Und dann sorge ich vielleicht dafür, dass es für immer schweigt.

    1. Liebe Sabrina, danke für deinen Kommentar 🙂 Ich verstehe dich gut. Man benötigt viel Erfahrung und eine ruhige Hand, um diesem Handwerk nachzugehen. Es wäre echt schade, wenn eine solch alte Geige durch einen fehlerhaften Handgriff kaputt geht.

  6. Das ist ein sehr außergewöhnlicher, aber schöner Beruf! Wenn ich früher gewusst hätte, was es alles gibt, es hätte sicher ein anderer besser gepasst, als der, den ich gewählt habe! Geigenbauerin zum Beispiel! Oder Instrumente überhaupt. Da muss man sehr genau sein und sehr detailverliebt!

    1. Liebe Bea, danke für dienen Kommentar 🙂 Das geht mir genau so. Bei meiner Berufswahl war ich masslos überfordert. Wer weiss, ob ich einen anderen Beruf gewählt hätte, hätte ich alle gekannt.

  7. Halli hallo,
    wieder einmal tolle Einblicke, die du uns da lieferst. Ich muss zugeben, dass ich – genau wie auch beim Beruf des Tätowierers – keine Ahnung hatte, wie der Tagesablauf eines Geigenbauers/einer Geigenbauerin eigentlich aussieht. Ich stelle mir die Tätigkeit aber wirklich anspruchsvoll vor. Auf Zehntelmillimeter genau zu arbeiten wäre für mich die reinste Katastrophe – das erfordert bestimmt einiges an Fingerspitzengefühl, im wahrsten Sinne des Wortes.

    1. Liebe Sigrid, danke für deinen Kommentar 🙂 Schön konnte ich dir einen neuen Einblick ermöglichen. Uhh ja, Geigenbauerin ist ganz bestimmt ein anspruchsvoller Beruf. Ich glaube nicht, dass ich es schaffen würde, auf Zentelmillimeter genau zu arbeiten.

  8. Sehr spannen zu lesen: Ich finde es auch sehr spannend mal einen Einblick in einen ganz anderen Job zu bekommen. Gerade der Job Geigenbauerin, ist für mich etwas, worüber ich noch nie nachgedacht habe.

    1. Liebe Tanja, danke für deinen Kommentar 🙂 Schön zu lesen, dass ich dir einen neuen Einblick ermöglichen konnte. Ziel erreicht 😉

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