Hebamme

Eveline, 54 Jahre alt begleitet werdende Eltern als Hebamme in Thun und Umgebung auf dem Weg ins Familienglück.

Ich arbeite in einem sehr dankbaren Beruf, an welchem mich die Begleitung von werdenden Eltern in einer speziellen, herausfordernden und schönen Zeit fasziniert. Es ist mir eine Herzensangelegenheit junge Familien auf ihrem persönlichen Weg ins «Familie sein» zu begleiten. Somit arbeite ich nicht nur mit Kindern, sondern in erster Linie zum Wohl ganzer Familien.
In meinem abwechslungsreichen Alltag übernehme ich Verantwortung im gesamten Betreuungsbogen einer werdenden Familie. In der Schwangerschaftsberatung kläre ich mit den Eltern die individuellen Bedürfnisse ab und berate sie hinsichtlich Möglichkeiten zur Begleitung der Physiologie in der Schwangerschaft sowie der Vorbereitung und Erleichterung der Geburt. Ausserdem kläre ich die baldige Mutter über schädliche Beeinflussungen des ungeborenen Kindes durch Nikotin, Alkohol und Drogen wie auch über positive Beeinflussungen durch Übungen auf und verhelfe den zukünftigen Eltern schon während der Schwangerschaft zu einer möglichst starken Bindung zu ihrem Kind.

In der Geburtsvorbereitung bereite ich die schwangere Frau und ihren Partner dann intensiv auf die Geburt vor. Ich übe mit ihnen wohltuende Massagen, die korrekte Atmung und schmerzlindernde Massnahmen. Auch bespreche ich mit ihnen den Ablauf einer natürlichen und einer operativen Geburt, damit die werdende Mutter möglichst angstfrei gebären kann. Eine schwangere Frau betrachtet die anstehende Geburt ähnlich wie ein Bergsteiger einen Berg vor dem Aufstieg. Prioritär ist der Moment der Entbindung oder aber die Erreichung des Gipfels. Doch die Wochen nach der Geburt, zu vergleichen mit dem Abstieg, werden im Voraus noch nicht im Detail bedacht. Um die Elternteile trotzdem möglichst gut auf die ersten Wochen im Leben mit dem Baby vorzubereiten, spreche ich schon in der Geburtsvorbereitung einige wichtige Themen an. Alle weiteren Fragen beantworte ich dann im Wochenbett, in welchem ich die junge Familie begleite und bei jedem Besuch den Gesundheitszustand der Mutter und des Neugeborenen kontrolliere. Es werden bis zu sechzehn Besuche der Hebamme aus der Krankenkassengrundversicherung bezahlt.

 

Als Wochenbett werden die ersten sechs bis acht Wochen nach der Entbindung bis zur Rückbildung der schwangerschafts- und geburtsbedingten Veränderungen bezeichnet. Nach der Schwangerschaft und speziell der Geburt ist die Erschöpfung der jungen Mutter besonders gross, weshalb sie zwingend Unterstützung in der Pflege des Babys benötigt, welches etwa Milch, Schlaf, Körperkontakt und eine saubere Windel braucht. Wird die Mutter im Wochenbett durch niemanden gestützt, treten nicht selten Wochenbettdepressionen auf. Im besten Fall wird sie durch den Papa und weitere Verwandte, wie Grosseltern und Freunde, unterstützt.

Nach dem Wochenbett biete ich in Form von Stillberatungen eine weitere wichtige Unterstützung. Besprochen werden unter anderem Lösungsansätze zu Schmerzen, ungenügender Gewichtszunahme des Neugeborenen, der Menge der Milch und zu den Bedürfnissen von Frühgeborenen sowie Zwillingen.

Eine Hebamme übernimmt neben den Tätigkeiten im Betreuungsprozess vor und nach der Geburt auch Aufgaben während der Entbindung. Persönlich biete ich momentan jedoch keine Begleitung von Geburten an und übergebe diese Arbeit jeweils vertrauensvoll an die Hebammen aus dem Spital Thun. Sie betreuen die werdende Mutter während des ganzen Geburtsprozesses, welcher ab dem Eintreten regelmässiger und starker Wehen (zum Beispiel beim ersten Kind) zwischen 10 und 14 Stunden dauern kann. Dabei kontrollieren sie die Herztöne des Kindes, helfen der Gebärenden bei der Entspannung und der Atmung, überprüfen den Geburtsfortschritt, unterstützen bei der Entbindung, untersuchen den Gesundheitszustand des Neugeborenen nach einem Parameter, dem Apgar Score, welcher Hautfarbe, Atmung, Reflexe, Tonus und Herzaktion beinhaltet. Bei ungenügender Bewertung, welche mit Hilfe eines Punktsystems erfolgt, leiten sie passende Massnahmen ein. Des Weiteren wird auch der Gesundheitszustand der jungen Mutter überprüft und das erste Stillen begleitet. Damit im Notfall sowohl die Gebärende als auch das Neugeborene eine intensive Betreuung erhalten können, arbeiten während einer Geburt im Spital und auch bei Hausgeburten jeweils mindestens zwei Personen zusammen.

Sowieso ist vernetztes Arbeiten für die Tätigkeiten einer Hebamme besonders wichtig, weshalb ich Fachpersonen aus verschiedensten Bereichen zu meinen Partnern zählen darf. So arbeite ich eng mit Physiotherapeuten, Osteopathen, Chiropraktiker, Gynäkologen, Psychiater, Mütter- und Väterberater, Kinderärzten, Apotheker sowie anderen Hebammen und allgemeinen Ärzten zusammen.

Auf die Idee zu meinem jetzigen Beruf, bin ich im Alter von ungefähr 17 Jahren durch meine Tante, welche im gleichen Beruf arbeitet, gekommen. Nach der obligatorischen Schule habe ich daher am Frauenspital in Bern die dreijährige Lehre zur Hebamme absolviert, in welcher mir besonders viel praktisches Wissen übermittelt worden ist.

Die Ausbildung hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Heute muss eine angehende Hebamme ein vierjähriges Bachelorstudium abschliessen, welches eher theorielastig aufgebaut ist. Ein grosser Teil der praktischen Erfahrungen wird heutzutage erst nach Beendigung der Ausbildung gesammelt.

Nach meiner Lehrzeit habe auch ich weitere praktische Erfahrungen als angestellte Hebamme gesammelt, bevor ich aus familiären Gründen frei zu praktizieren begonnen habe.

Als selbständige Hebamme erlebe ich keinen einheitlichen Tagesablauf und geregelte Arbeitszeiten kenne ich nicht. Die Planung der Arbeitstage zähle ich zu den grössten Herausforderungen in meinem Beruf.

Schwangere Frauen empfange ich gewöhnlich am Montagnachmittag in meiner Praxis, wo mir die benötigte Infrastruktur zur Ausführung meiner Arbeit zur Verfügung steht. An den restlichen Tagen bin ich unterwegs zu jungen Familien.

Als selbständige Hebamme identifiziere ich mich sehr stark mit meinem Beruf, was das eigene Privatleben enorm strapaziert. Meine Freizeit kann jederzeit ohne Vorwarnung durch Notfalleinsätze unterbrochen werden, was das Verständnis der eigenen Familie voraussetzt. Umso intensiver geniesse ich die Zeit, die ich gemeinsam mit meiner Familie und Freunden verbringen kann. Zu meinen Hobbys zähle ich daneben kochen und gärtnern.

Storch mit Bündel

Mit Begeisterung kann ich bestätigen, dass ich meine absolute Berufung gefunden habe. Sofort würde ich die gleiche Ausbildung wieder antreten. Gäbe es diese wunderschöne Tätigkeit in der Schweiz nicht, würde ich ohne zu zögern ins Ausland ziehen, um meinen Traumberuf ausleben zu können. Andernfalls bräuchte ich wahrscheinlich einige Bedenkzeit, um mich mit einem anderen Beruf anzufreunden. Denn obwohl es ab und zu schwierige und belastende Situationen, wie beispielsweise die Begleitung von Eltern mit gesundheitlichen oder suchtbedingten Problemen oder auch die Bewältigung von Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt zu meistern gibt, überwiegen die schönen und berührenden Momente. Die bewegende Dankbarkeit der Eltern und die tiefgründigen Blicke der Neugeborenen verschönern mein Leben tagtäglich. Ich staune immer wieder neu über die Entstehung und die Geburt eines Kindes. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, ist dies für mich eine grosse Freude.

Weitere Informationen:

Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Hebamme?

14 Gedanken zu „Hebamme“

  1. So ein wunderbarer Beruf und ein toller Beitrag. Danke dafür!
    Ich denke gerne an meine beiden Geburten zurück.
    Glücklicherweise hatte ich auch 2 wunderbare Hebammen.
    Das macht schon sehr viel aus. Ein bestimmt toller Beruf…

    1. Liebe Martina, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Ein wirklich sehr wichtiger und vor allem wertvoller Beruf. Schön wenn man diesen Beruf wählen und mit dem Herzen ausführen kann.

  2. So ein schöner Beruf und ich glaube dir, dass er sehr erfüllend ist. Ich bin Krankenschwester und finde den Beruf immer noch schön, nur die Bedingungen nicht unter denen man arbeiten muss. Hier in Deutschland gibt es jetzt auch ein Bachelorstudium für Hebammen und Pflege. Ob es hilft, wenn man weniger Praxis in der Ausbildung mitbekommt weiss ich nicht.

    1. Liebe Claudia, ich freue mich sehr über deinen Kommentar 🙂 Ich gehe davon aus, dass gerade im Bereich der Pflege immer häufiger ein Studium verlangt wird. Ob dies besser oder schlechter ist, als eine praxisnahe Ausbildung kann ich nicht beurteilen.

  3. Ein so wichtiger Beruf, der leider meist vergessen wird. Bei und im Freundeskreis geht es nach und nach um Familienplanung und ich muss gestehen, erst seit dieses Thema so aktuell ist, wird der Beruf der Hebamme auch immer wieder thematisiert.
    Bei uns in der Großstadt ist es leider so, dass du mit dem positiven Schwangerschaftstest eigentlich schon direkt eine Hebamme suchen solltest und am besten auch gleich einen Kita Platz 😉 Und dabei stelle ich mir den Beruf der Hebamme so abwechslungsreich vor, mit vielen vielen bewegenden Momenten.

    1. Liebe Isa, danke für deinen Kommentar 🙂 Ich denke mit deiner Vorstellung liegst du richtig. Auch ich stelle mir die Begleitung verschiedenster Mütter und Väter ins „Familie sein“ abwechslungsreich vor.

  4. Wie schön, dass du deine Berufung gefunden hast! Es kommt auch im Text ganz klar hervor, wie viel Freude dir dein Beruf macht. Auch wenn der Beruf nichts für mich wäre, kann ich mir vorstellen, dass man viele schöne Momente erlebt.

  5. Ein wirklich toller Beitrag der mir einen großen Einblick in deinen Beruf gegeben hat. Ich ziehe den Hut vor dir und jeder anderen Hebamme. Ich habe selbst noch kein Kind sehe dem ganzen aber nun ein wenig entspannter entgegen wenn man weiß das man mit Unterstützung rechnen kann. Toll finde ich es auch, dass deine Familie so hinter dir steht.

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