Tierphysiotherapeutin

Nathalie, 34 Jahre alt, arbeitet in Worblaufen als Tierphysiotherapeutin für Gross- und Kleintiere.

«Mit der Arbeit im eigenen Traumberuf Geld verdienen zu können», diesen Wunsch pflegen wohl viele Schulabgänger. Wer jedoch den Abschluss als Tierphysiotherapeutin mit eidgenössischem Diplom anstrebt, muss bereit sein einen langen Ausbildungsweg auf sich zu nehmen.

Tiere, insbesondere Pferde, haben in meinem Leben schon immer einen wichtigen Stellenwert gehabt. Schon früh habe ich die Absicht gehegt, auch beruflich mit ihnen zu arbeiten. Bei der Arbeit mit den Tieren faszinieren mich vor allem ihre unverfälschten Reaktionen auf die Behandlung. Über die Körpersprache zeigen sie mir sehr klar, was guttut und was nicht. Zu den schönsten Momenten zähle ich, wenn ein Hund mich bei der zweiten Behandlung bereits freudig begrüsst und von sich aus zur Behandlungsmatte steuert. Bei den Pferden erhalte ich das tollste Feedback während der Behandlung, wenn sie mittels Gähnen und Abkauen ihre Entspannung ausdrücken. Als Pferdehalterin ist mir mein berufliches Wissen heute auch privat von Nutzen. Mit Physiotherapie kann schon manche kleine Blockade oder Lahmheit gelöst werden, ohne dass gleich der Tierarzt geholt werden muss.

Bevor ich mir eine Existenz als Tierphysiotherapeutin aufbauen konnte, habe ich einen langen Bildungsweg auf mich genommen. Voraussetzungen für die zweijährige Zusatzausbildung zur eidgenössisch diplomierten Tierphysiotherapeutin sind nämlich ein abgeschlossenes Studium als Tierärztin oder Humanphysiotherapeutin sowie drei Jahre Berufserfahrung im angestammten Beruf zum Zeitpunkt des Prüfungsbeginns (https://www.svtpt.ch/index.php/de/ausbildung/tierphysiotherapeut). Als aktive Sportlerin habe ich mich damals für das Studium zur Humanphysiotherapeutin entschieden. Nebst einem sechsmonatigen Pflegepraktikum im Spital, ist die Matura dafür Voraussetzung. Da ich nach der obligatorischen Schule die Arbeit dem Gymnasium vorgezogen habe, habe ich für dessen Erreichung eine Lehre zur Kauffrau im Profil M absolviert.

Oft werde ich gefragt, ob es keinen kürzeren und direkten Weg zur diplomierten Tierphysiotherapeutin gibt. Da der Titel «Tierphysiotherapeutin» nicht geschützt ist, bieten einige Schulen Lehrgänge an, welche sich an Quereinsteiger wenden. Für das eidgenössische Diplom gibt es aber nur diesen einen langen Weg. Natürlich ist dies auch sinnvoll, denn die Kenntnisse der Anatomie, Pathologie, der physiotherapeutischen Massnahmen und vielem mehr können nicht in «Wochenendkursen» erlernt werden. Somit war ich 30-jährig, bis ich mich nebst eidgenössisch diplomierter Humanphysiotherapeutin auch eidgenössisch diplomierte Tierphysiotherapeutin nennen durfte. Fertig ausgebildet ist man in diesem Beruf aber nie. Einerseits erweitere ich meine Erfahrung mit jedem Patienten, andererseits ergänze ich mein Wissen regelmässig mit Fortbildungen. Der Besuch von sechs Kurstagen innerhalb zwei Jahren im Bereich Tierphysiotherapie sowie regelmässige Weiterbildungen im Bereich Humanphysiotherapie ist zwingend.

Meine breitgefächerten Kenntnisse ermöglichen mir die Arbeit an Mensch und Tier. So bin ich zu 70 %, verteilt auf zwei ganze Tage und drei Halbtage pro Woche, immer noch als Humanphysiotherapeutin in einem Angestelltenverhältnis tätig. An drei Nachmittagen und Abenden befasse ich mich dann mit den Beschwerden verschiedener Gross- und Kleintiere. Da der Beruf der Tierphysiotherapeutin noch wenig bekannt ist und es entsprechend kaum Anstellungsmöglichkeiten gibt, habe ich mich nach Ausbildungsende sofort selbständig gemacht. Die Kleintiere behandle ich in meiner Praxis in Worblaufen. Zu den Pferden fahre ich hin. Aktuell bin ich in den Regionen Bern, Solothurn und Freiburg unterwegs.

Der Weg in die Selbständigkeit hat auch in meinem Fall einige Herausforderungen beinhaltet. Da die Tierphysiotherapie aber mein zweites Standbein ist, ist der Druck zu Beginn nicht allzu gross gewesen. Den Standort habe ich bereits während der Ausbildung reserviert gehabt und gleich nach den Abschlussprüfungen mit der Einrichtung und einigen Umbauarbeiten begonnen. Administrativ musste ich mich um Versicherungen, Anmeldung bei der Gemeinde, das Abrechnungssystem und anderen für mich zum Teil neue Aufgaben kümmern. Der Aufbau eines Kundenstammes hat wie erwartet einige Zeit beansprucht. Mittels Eröffnungsanlass habe ich potentielle Kunden eingeladen und Flyer sowie Visitenkarten verteilt. Später habe ich gezielt Tierarztpraxen angeschrieben und mich dort persönlich vorgestellt. So ist es auch dazu gekommen, dass ich seit einem Jahr einen Nachmittag pro Woche zusätzlich für eine Tierarztpraxis arbeite. Wie es sich in der heutigen Zeit für ein erfolgreiches Unternehmen gehört, habe ich zudem eine Homepage und einen Facebookauftritt gestaltet. Was sich jedoch noch immer am besten bewährt ist die Mund-zu-Mund-Propaganda.

Mit zwei Berufen ist ein gutes Zeitmanagement unabdingbar. Da mir meine Beziehung und meine Hobbys sehr wichtig sind, versuche ich mindestens die Wochenenden von beruflichen Terminen freizuhalten. In meiner Freizeit trifft man mich oft im Reitstall, auf Concoursplätzen oder bei einem gemütlichen Abendessen mit Freunden.

In die Physiotherapie kommen hauptsächlich Pferde und Hunde sowie ab und an Katzen. Die Behandlungsursachen sind dabei sehr verschieden. Bei Pferden sind es hauptsächlich Rittigkeitsprobleme, Lahmheiten, Rückenschmerzen und Blockaden. Hunde dagegen behandle ich oft nach Operationen, Verhaltensänderungen auf Grund von Schmerzen, Altersgebrechen und zur Kräftigung. Kenntnisse der Anatomie, Physiologie, Verletzungen und Krankheiten sind daher das A und O meines Berufes.

Ab und zu werde ich auch für andere Tierarten angefragt. So wirkt die Physiotherapie auch bei Kühen, Eseln oder Ziegen, auch wenn sie dort noch wenig verbreitet ist. Bei kleinen Tieren wie beispielsweise Nagern erweist sich die Behandlung als eher schwierig, da das Tier doch zu einem gewissen Masse kooperativ sein sollte.

In den Sitzungen, welche bei Hunden ungefähr dreiviertel Stunden und bei Pferden eher eineinhalb Stunden dauern, arbeite ich weitgehendst manuell. Bei Bedarf ergänze ich die Behandlung mit Ultraschall, Elektrotherapie oder Dry Needling. Kinesiotape setze ich häufiger bei den Menschen, ab und an aber auch bei den Tieren ein. Für die aktive Therapie, also den Muskelaufbau und die Beweglichkeitsförderung, nutze ich kleine Hilfsmittel wie Wackelbretter, Slalomstangen oder auch das Laufband. Im Anschluss an meine Behandlung bitte ich die Besitzer meist, auch im Alltag einige Übungen einzubauen.
Im Gegensatz zu der Humanphysiotherapie bin ich bei den Beschwerden der Tiere nicht selten die erste Anlaufstelle. Durch den Direktzugang steht mir oft keine tierärztliche Diagnose zur Verfügung, was die Findung des körperlichen Problems natürlich anspruchsvoller macht. Auch werden keine Physio-Verordnungen erstellt, weshalb die Therapien aus Kostengründen oftmals nur eine Sitzung dauern.

Der Ablauf einer physiotherapeutischen Behandlung gestaltet sich wie folgt: Bevor ich mit der eigentlichen Behandlung beginne, befrage ich den Patientenbesitzer nach den Problemen, den Verhaltensweisen, der Haltung und weiteren relevanten Punkten. Danach schaue ich mir das Tier im Stand und in der Bewegung genau an. Die Pferde lasse ich mir im Schritt, Trab, auf der Volte und rückwärts vorführen. Hunde beobachte ich zudem auf der Treppe und bei Positionswechsel wie zum Beispiel Sitz und Platz. Danach formuliere ich meine erste Hypothese und beginne mit der gezielten Untersuchung. Erst dann starte ich mit der Behandlung, welche auf meiner physiotherapeutischen Analyse basiert.

Obschon ich meinen Wunschberuf erlernt habe, welchen ich auch bei einem Neuanfang wieder ansteuern würde, werde auch ich ab und an mit unangenehmen Situationen konfrontiert. Beispielsweise mit Kunden, welche Termine unabgemeldet nicht wahrnehmen, Besitzer, welche ihr krankes Tier nicht gehen lassen können oder auch Bekannte, die immer wieder Freundschaftspreise erwarten. Doch alles in allem überwiegen die schönen Momente, weshalb ich diesen Beruf trotz bescheidenem Einkommen immer noch gerne ausübe. Müsste ich aus unbekannten Gründen einen neuen Beruf auswählen, würde ich mich wohl für ein Studium zur Tierärztin entscheiden und vorab wahrscheinlich eine Lehre zur Pferdefachfrau absolvieren. Die Tiere hätten auf jeden Fall wieder eine zentrale Rolle in meinem Leben.

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Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Tierphysiotherapeutin?

14 Gedanken zu „Tierphysiotherapeutin“

  1. Ein super interessanter Bericht. Ich wusste bis dahin ehrlich gesagt gar nicht, dass es den Beruf überhaupt gibt und hätte auch nicht gedacht, dass die Ausbildung dazu sogar länger ist als zur Tierärztin bzw. Humanphysiotherapeutin, da man ja noch die Zusatzausbildung braucht. Klingt für mich als Tierliebhaberin aber nach einem wirklich spannenden Beruf.

    1. Liebe Hanna, danke für deinen Kommentar 🙂 Schön könnte ich dir einen noch etwas unbekannten Beruf näherbringen. Der Beruf scheint wirklich sehr spannend, abwechslungsreich und herausfordernd zu sein. Einfach toll!

  2. Wieder super spannend. Von diesem Beruf habe ich schon einiges mitbekommen, da ich mit meinem alten Husky lange zur Physio gegangen bin. Und als Tierliebhaberin finde ich es natürlich super wichtig, dass es solch tolle Berufe gibt!

    1. Liebe Verena, danke für deinen Kommentar 🙂 Ich hoffe fest, dass die Physio deinem geliebten Husky weiterhelfen konnte. Ich bin auch eine absolute Tierliebhaberin und bin von jedem Beruf, bei welchem Tieren geholfen wird, begeistert.

  3. Ich wollte vor einigen Jahren die Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin machen, aber es gab keine Schule in der Nähe, deshalb habe ich die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin gemacht und nicht mehr aufgestockt. Interessant ist der Beruf dennoch.

  4. Toller Beitrag! So kann man auch mal etwas mehr hinter die Kulissen schauen.
    Ich hatte – als Pferdebesitzerin – nämlich auch schon einen Pferdephysiotherpeuten bei meinem kleinen Frechdachs. Insofern konnte ich schon beobachten, wie da gearbeitet wird.
    Ich war hinterher übrigens sehr froh, dass „das Zunge rausstrecken“ wirklich eine Macke war und nicht mit dem Zungenbein zusammen hing und dass er für sein Alter noch super gut drauf ist.
    Ich kann jedem – auch so mal zwischendurch – einen Check für das eigene Pferd nur wärmstens empfehlen.

    1. Liebe Tabea, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Schön, dass es deinem Pferd gut geht und cool, dass du eine Tierphysiotherapeutin schon persönlich beobachten konntest. Ich finde dies ein wirklich spannender Beruf, der ja schliesslich auch fürs Wohl unserer tierischer Freunde sorgt.

  5. Wow, ich hatte ja keine Ahnung wie lange der Weg zur Tierphysiotherapeutin ist, Wahnsinn!
    Dennoch kann ich mir vorstellen, dass man als Tierliebhaber in einem solchen Beruf wirklich aufgeben kann. Auch wenn die schwierigen Situationen die du ansprichst mich persönlich wahrscheinlich auch echt ärgern und mitnehmen würden.

    Danke für den spannenden Einblick!

    1. Liebe Isa, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Auch ich wusste über diesen langen Ausbildungsweg nicht Bescheid. Ich war dementsprechend ebenfalls überrascht. Ich bin jedoch sehr froh, dass es Menschen gibt, die diesen Weg auf sich nehmen und unseren vierbeinigen Freunden helfen.

  6. Diesen Beruf finde ich super spannend. Immerhin kann der Patient nicht „reden“ und zeigt dennoch durch seine Mimik und Gestik was für Probleme er hat.

    Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die so viel Leisten und kann gar nicht verstehen, dass andere Menschen (also die Besitzer der Tiere) nicht mal den Anstand haben abzusagen. Das sollte selbstverständlich sein. Immerhin könnte dann bei diesem Termin einem anderen Patienten geholfen werden.

    1. Liebe Mo, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Tierphysiotherapeutin ist wirklich ein sehr spannender Beruf mit liebenswerten Patienten. Leider gibt es auch liebende Tierbesitzer und eben eine andere Sorte. Ich hoffe, dass diese Fälle bei Nathalie nicht allzu oft vorkommen.

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