Tätowiererin

Michèle, 35 Jahre alt mit Arbeitsort in Oey-Diemtigen, kann sich als Tätowiererin mit eigenem Studio tagtäglich künstlerisch ausleben und ihren Kunden gefühlvolle Momente bescheren.

Beim Tätowieren werden mit einer Tätowiermaschine und hautverträglicher Farbe Motive, wie beispielsweise Bilder, Zeichnungen, Texte oder Muster, in die zweite Hautschicht gestochen. In der heutigen Zeit dient die Körperkunst oftmals zur Selbstdarstellung und als Schmuck.

Der Beruf der Tätowiererin, auch Tattoo Artistin genannt, gibt es schon seit vielen Jahren. Trotzdem gibt es in der Schweiz zu meinem Bedauern keine einheitliche Ausbildung mit anerkanntem Fähigkeitsdiplom. Ich empfehle also von ganzem Herzen vorgängig eine andere Ausbildung abzuschliessen. So habe ich nach der obligatorischen Schule den Abschluss zur Friseurin gemacht und neben anderen Berufen, wie etwa Servicekraft, Nageldesignerin und Kosmetikerin, einige Zeit sogar als selbständig erwerbstätige Person in diesem Bereich gearbeitet. Die verschiedenen Jobs haben mir zwar nicht schlecht gefallen, jedoch habe ich mich nie vollkommen gefühlt.

Ich bin überglücklich darüber, dass sich das Blatt vor einiger Zeit unerwartet gewendet hat. In meinem jetzigen Beruf habe ich wahrhaftig eine Berufung gefunden, welche ich nicht mehr missen möchte und auch bei einem beruflichen Neustart sofort wieder erlernen würde. Ich habe damals eine Stelle als Shopmanagerin in einem Tattoogeschäft angetreten, wo ich aufgrund meines Talents im Zeichnen später im Tätowieren gelernt und anschliessend angestellt worden bin. In meiner sechs monatigen Lehrzeit habe ich die Tattookunst auf Schweine- sowie Kunsthaut geübt und später kleinere Motive an mir oder Kollegen / Verwandten ausprobiert. Somit ist auch mein Körper zu etwa einem Drittel mit Körperkunst übersäht. Dies ist alles andere als Negativ, denn geplant sind noch weitere Zeichnungen. Tattoos können schon eine gewisse Sucht auslösen. Es ist aber wahrscheinlich weniger die Sucht nach Schmerzen, als vielmehr die Freude an der Umsetzung neuer Ideen und am Verändern des eigenen Aussehens.

Nach zwei Jahren im Angestelltenverhältnis habe ich mich aus persönlichen Gründen selbständig gemacht. Da ich ja schon Erfahrungen mit einem eigenen Geschäft gemacht und damals meinen ehemaligen Friseursalon bei mir Zuhause umfunktioniert habe, hat mir der Neustart keine Probleme beschert. Heute führe ich ein eigenes auswärtiges Studio und konnte mir einen grossen und weitgefächerten Kundenstamm aufbauen.Als Tätowiererin steche ich meinen jungen und jung gebliebenen Kunden am Montag, Freitag und Samstag nun also verschiedenste Motive. Momentan im Trend sind Unendlichkeitszeichen und Federn mit Vögel, welche ich persönlich mittlerweile lieber meide, da dies eben ein Trend und nichts individuelles mehr ist.

Für Unwissende ist sicherlich spannend zu erfahren, dass meine älteste Kundin 77 Jahre alt ist und das Tätowieren nur einen geringen Zeitanteil meines Tuns beansprucht. Viel mehr Zeit investiere ich in die Kundenberatung, die Umsetzung der besprochenen Wünsche auf Papier und die Hygiene. Mein genauer Tagesablauf ist aufgrund der verschiedenen Termine und Kundenwünsche schwierig zu definieren. Termine vergebe ich normalerweise zwei bis drei Monate im Voraus.

Zur abgemachten Zeit empfange ich die Kundschaft im vorbereiteten Studio. Zu Beginn bitte ich den Kunden ein Formular, eine Art Einverständniserklärung, auszufüllen und zu unterschreiben. Mir ist wichtig, dass die Kunden vor der Termindurchführung keine starken blutverdünnenden Medikamente oder Antibiotika, keinen Alkohol und keine Drogen eingenommen haben. Zudem benötige ich bei Minderjährigen eine Bestätigung der Erziehungsberechtigten. Bevor ich dann zur Tätowiermaschine greife, bereite ich die ausgewählte Körperstelle vor, indem ich allfällige Haare rasiere, die Haut desinfiziere und die vorbereitete Vorlage auflege. Die meisten Tattoos steche ich übrigens an den Armen. Generell können alle Hautstellen unseres Körpers tätowiert werden. Manche Stellen sind aber durchaus schmerzvoller sowie unpraktischer als andere. Persönlich habe ich mich entschieden, keine Tattoos im Intimbereich von Frauen und Männern zu stechen.

Wie lange die jeweiligen Sitzungen dauern, hängt ganz von der Grösse der Tätowierungen ab. Ein ganz kleines Tattoo steche ich in circa fünf Minuten und ganz grosse aufgeteilt in mehreren Sitzungen in über zehn Stunden. Während dem Stechen achte ich stets auf das Wohlbefinden der Kunden und auf Körpersignale, wie etwa das Reagieren der Haut. Das Befinden kann auch einen Einfluss auf die Termindauer haben. Übrigens steche ich nicht wahllos alle Motive. Ich weigere mich gezielt rechtsradikale Zeichen sowie Partnertattoos bei jungen frischverliebten Paaren zu stechen. Gerade beim zweiten Fall sehe ich mich als Aufklärerin, schliesslich kann das Tattoo nicht von heute auf morgen entfernt werden. Auch ein Cover Up oder eine Laserentfernung brauchen schliesslich Zeit.

Eine Tätowiererin sollte auf jeden Fall künstlerisch begabt, flexibel, pflichtbewusst, vertrauensvoll sowie hygienebewusst sein und zusätzlich ein gutes Auge für Ästhetik und Details haben. An diesem Beruf gefällt mir vor allem die Möglichkeit mich kreativ ausleben und verwirklichen zu können. Zudem arbeite ich unglaublich gerne mit Menschen zusammen. Den Kunden eine Freude zu bereiten, ist für mich fast mehr wert als alles Geld, welches ich verdiene. Besonders schöne Momente erlebe ich, wenn ich Personen mit psychischen oder körperlichen Krankheiten sowie durch Cover Ups weiterhelfen kann. Ein Moment ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ich habe einer Kundin Augenbrauen tätowiert, da sie ihre eigenen durch Chemotherapie verloren hatte. Beim Blick in den Spiegel hat sie vor Freude und Dankbarkeit Tränen vergossen.

Andererseits habe ich etwas Mühe mit dem Konkurrenzdenken in der Tattoobranche. Leider ist es gang und gäbe andere Studios durch Lästereien schlechtzureden. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in unserem Beruf durch Können glänzen sollten und nicht durchs Schlechtreden von anderen.

Diese Kleinigkeit bringt mich aber nicht dazu meinen geliebten Beruf zu wechseln. Müsste ich aus einem unbekannten Grund eine neue Laufbahn wählen, würde ich mich wahrscheinlich in eine musikalische Richtung bewegen oder allenfalls, wie auch schon gemacht, in einem Behindertenheim anpacken.

Auch zu meinen Hobbys zähle ich das Musik machen. Ich bin in einer Band, welche Rock und Hard Rock spielt. Zudem zeichne ich auch privat sehr gerne, fahre Motorrad und kümmere mich um meine Kinder und Tiere. Ich besitze Kaninchen und zwei Nacktkatzen – keine Angst, die beiden werden nicht tätowiert.

Weitere Informationen:
Facebook Boss Tattoo


Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Tätowiererin / des Tätowierers?

26 Gedanken zu „Tätowiererin“

  1. Ich finde das einen sehr schwierigen Beruf und derjenige muss es wirklich drauf haben! Leider habe ich schon zu oft versaute Motive gesehen und das ist für den geschädigten fürchterlich. Ich denke manchen liegt es eben, weil sie das Auge dafür haben – anderen nunmal nicht.

    1. Liebe Wioleta, danke für deinen Kommentar 🙂 Als Kunde muss man sich schon gut informieren, damit man eben nicht an einen talentfreien Anbieter gelangt. Daher wäre eine einheitliche Ausbildung natürlich von grossem Vorteil.

    1. Liebe Verena, danke für deinen Kommentar 🙂 Fehler wären verheerend, da hast du recht. Genau aus diesem Grund möchte ich diesen Beruf nicht ausüben.

  2. Das ist ja mal ein spannender Einblick. Ich hab mich schon des öfteren gefragt ob man den Beruf eigentlich „lernen“ kann, denn ich denke da gehört schon eine große Portion Kreativität und Geduld dazu. Ich wäre hier vollkommen fehl am Platz. Spannend auch der Fakt, dass das eigentliche Tätowieren nur einen Bruchteil der täglichen Arbeit ausmacht.

    1. Liebe Sigrid, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Genau aufgrund dieser Frage habe ich so intensiv nach einer Interviewpartnerin / einem Interviewpartner aus diesem Berufsfeld gesucht. Dein Einblick den ich schlussendlich erhalten habe und euch präsentieren durfte, finde ich mehr als beeindruckend.

  3. Wow, das ist ja mal ein Beruf, den ich so gar nicht auf dem Schirm hätte. Ich finde es toll, welche Kunstwerke Tätowierer erschaffen können. Und es ist so eine große Verantwortung, schließlich erwartet der Tätowierte viel von dem Ergebnis und möchte im Idealfall ein Leben lang glücklich damit sein.

    1. Liebe Diana, danke für deinen Kommentar 🙂 Ein wirklich spannender Beruf mit viel Verantwortung. Ich bin ja immer mega beeindruckt von den coolen Resultaten und hätte grossen Respekt davor, diesen Beruf auszuführen. Schliesslich gibt es keine Löschfunktion 😉

  4. Hallo! Wer selber ein Tattoo hat, hinter dem er voll und ganz steht, der weiß was es für einen selbst bedeutet. Ich denke Mopperer und Menschen, die was schlecht recen wird es immer geben! Trotzdem bzw. gerade deshalb ist es so wichtig, dass Menschen ihren Leidenschaften und Stärken folgen, egal was andere sagen! Weiter so! VG! Sirit

    1. Liebe Sirit, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Ganz genau! Es gibt so viele Tattoos mit stärkerer Bedeutung. Da ist es egal, was andere dazu meinen. Wichtig ist wirklich, dass die betroffenen Personen ihre Freude beibehalten und ihre Leidenschaften ausleben.

  5. Finde das Berufsbild super spannend, würde mich selbst aber wahrscheinlich nie stechen lassen. 🙂 Mein Mann hat allerdings 3 tolle Tattoos und wird sich auch noch unsere Hunde verewigen lassen!

    1. Liebe Verena, danke für deinen Kommentar 🙂 Das geht mir genau gleich. Ich finde den Beruf mega interessant, habe jedoch nicht geplant mir ein Tattoo stechen zu lassen. Mittlerweilen gibt es aber viele tolle Möglichkeiten und Motive.

    1. Liebe Anja, danke für deinen Kommentar 🙂 Das ist doch auch eine Erkenntnis. Ich finde, es gibt schöne und komische Tätowierungen.

    1. Liebe Andrea, danke für deinen Kommentar 🙂 Ich freue mich sehr, dass ich einen Beitrag über eine Tätowiererin mit euch teilen durfte. Der Beruf ist wirklich sehr spannend und abwechslungsreich.

    1. Liebe Sigrid, danke für deinen Kommentar 🙂 Für ein Tattoo ist es noch nicht zu spät. Wer weiss, vielleicht ergibt es sich ja noch.

  6. Meine letzten Tattoos wurden auch von einer Frau gestochen… es gibt für meinen Geschmack immer noch zu wenig weibliche Tattoowierer! Ich mag das lieber, wenn das eine Frau macht. Aber natürlich gebe ich auch den Jungs eine Chance 😉 Nur, ich hab das Gefühl, die belächeln mich wenn ich wieder mit meinen sehr filigranen und kleinen Tattoo-Ideen komme. Aber ich mag nicht so zugepflastert zu sein. An anderen finde ich es toll!

    Ich finde es ein toller Beruf, wenn man es KANN! Es gibt genug, die es nicht können und dann loslegen. Deine Bilder sind toll, da sieht man schon, Du kannst das und weißt, was Du tust!

    1. Liebe Bea, danke für deinen Kommentar 🙂 Männliche Tätowierer haben halt oft ein grobes Erscheinungsbild. Man sollte sich aber schon wohl fühlen, deshalb macht es sicherlich auch Sinn zu Beratungsgesprächen zu gehen.

  7. Ich finde den Beruf sehr interessant. Ich habe selbst 4 Tattoos, mein Mann besitzt auch eines. Jeder meine Tattoos hat eine besondere Bedeutung für mich. Ich finde sie sehr schön aber man muss den Beruf wirklich gut können. Bei meinem Mann hat sich in seinem Bild leider ein kleiner Fehler eingeschlichen, das finde ich schade und hätte vermieden werden können.

    1. Liebe Eileen, danke für deinen Kommentar 🙂 Ich finde es toll, wenn die Tattoos eine tiefere Bedeutung haben. Fehler sollten einem Tätowierer wirklich nicht passieren. Eine Löschtaste gibt es halt nicht :/

  8. Liebe Petra,

    eine wirklich interessante Berufsvorstellung. Ich persönlich mag keine Nadeln, daher wäre weder der Job noch als Kunde dieses Berufsbild eine Option für mich. Aber ich bewundere immer die Kreativität und die ruhige Hand der Tattookünstler. Respekt.

    Liebe Grüße,
    Mo

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