Tramfahrerin

Tatjana*, 45 Jahre alt mit Arbeits- und Wohnort in der Schweiz, beschreibt sich als neugierige Person. Ihr offener Charakter ist einer der Gründe, weshalb sie vor ihrer aktuellen Tätigkeit als Tramfahrerin schon zahlreiche Berufe getestet hat.  

Tag für Tag faszinieren mich die Dimensionen, mit welchen ich beruflich zu tun habe. Ein Tram, auch Strassenbahn genannt, ist ein öffentliches Verkehrsmittel, welches für den Personentransport in grösseren Städten eingesetzt wird. Die Schienenfahrzeuge messen  circa 36 Meter und wiegen über 20 Tonnen. Beeindruckend oder?

Ich bin ein Fan von Abwechslung, weshalb ich schon viele verschiedene Berufe ausgeführt habe. Ursprünglich habe ich als Tiefbauzeichnerin masstabgerechte Bauzeichnungen und Baupläne erstellt. Im Verlaufe der Zeit habe ich ausserdem als Au Pair gejobbt, Spitalluft geschnuppert, mich als Kurierin versucht, in einer Bank gearbeitet und mich als Fahrlehrerin eingesetzt.
Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung, bin ich auf eine offene Stelle als Tramfahrerin gestossen. Die Gelegenheit neue Tätigkeiten und Arbeitsweisen zu erlernen, konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Als Tramfahrerin transportiere ich pro Fahrt bis zu 300 Personen von A nach B. Eine Aufgabe, die Verantwortungsbewusstsein, Aufmerksamkeit, Zuverlässigkeit, Gelassenheit, viel Geduld sowie Freundlichkeit erfordert. Meine Verantwortung bestehen jedoch nicht nur aus klassischem Tramfahren, sondern beinhalten ebenfalls Beihilfe beim Einsteigen und Aussteigen von beeinträchtigten oder alten Personen, die Lösung von einfachen technischen Mängeln am Fahrzeug, die Meldung von gröberen Defekten und Strassensperrungen an die Leitstelle und natürlich die Verhinderung von Unfällen. Ab und zu gehört sogar die Deeskalation zwischen streitenden Fahrgästen zu meinem Aufgabengebiet.


Der Kundenkontakt bringt Spannung in meinen Berufsalltag. Die Dankbarkeit und Wertschätzung der Passagiere, die sie etwa durch ein liebes Wort oder eine positive Geste zeigen, zähle ich zu den schönsten Eigenschaften meines Berufes. Andererseits geniesse ich auch die ruhigen Momente im Cockpit und freue mich über wunderschöne Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge oder andere Naturspektakel, die ich bewundern darf.

Die Sicherheit und die Zufriedenheit der Kunden ist in meinem Dienstleistungsberuf das oberste Gebot, in einer verkehrsreichen Grossstadt mit gestressten Leuten allerdings nicht zu unterschätzen. Meinerseits werden stets eine hohe Achtsamkeit sowie die Einhaltung verschiedener Regelungen und Vorgaben, wie etwa die Beachtung von Lichtsignalen, Vortrittsregelungen und Geschwindigkeitsangaben, erwartet. Durch meine Vorsicht und defensive Fahrweise konnte ich schon einige Unfälle verhindern.

Neue Technologien würden gerade im Bereich der Sicherheit als Unterstützung dienen. Soweit ich informiert bin, befindet sich ein technischer Assistent bereits in der Testphase, welcher Gefahren noch früher erkennen kann, als für einen Menschen möglich ist. Ob und wann autonome Fahrzeuge diesen Beruf vollständig übernehmen, kann ich nicht beurteilen. Die Schienen würden diese Entwicklung wahrscheinlich unterstützen, jedoch müssten auch die Überwachungs- und Kontrollsysteme für diesen Zweck weiterentwickelt werden. Menschen werden im Gegensatz zu Maschinen zwar müde, dafür fehlen den Maschinen der Sinn für Gefahren.

Im Übrigen bieten mir nicht nur die sicherheits- und kundenorientierten Tätigkeiten grosse Abwechslung, sondern auch die unregelmässigen Arbeitszeiten / Arbeitstage und die 15 verschiedenen Einsatzlinien. Je nach Einteilung erlebe ich dreierlei Arbeitstage: Die Frühschicht starte ich um circa 04:00 Uhr mit der Aufrüstung des Fahrzeuges im Depot. Unter anderem schliesse ich das Gefährt am Strom an und führe eine Bremsprobe durch. Anschliessend begebe ich mich auf die mir zugeteilte Strecke. Im Mitteldienst nehme ich die Arbeit mitten am Tag an einer vorbestimmten Haltestelle auf und beim Spätdienst, welcher normalerweise bis 02:00 Uhr in der Nacht andauert, gehört speziell die Einfahrt ins Depot und die Übergabe des Trams an das Service- und Reinigungspersonal zu meiner Verantwortung.

Um meine Eignung für den Berufsalltag als Tramfahrerin sicherzustellen, musste ich vor und nach dem Bewerbungsgespräch einen mehrstufigen Eignungstest durchlaufen: Nachdem ich ein Onlineformular mit Fragen zu den Grundanforderungskriterien ausgefüllt habe, musste ich einen kostenlosen Fahreignungsdiagnostiktest am Computer durchführen. Mittels dieser zweistündigen Prüfung werden unter anderem die Persönlichkeit, die Belastbarkeit, die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sowie die Überblickgewinnung im Verkehr getestet. Nach Erhalt der positiven Ergebnisse und dem darauffolgenden Vorstellungsgespräch, habe ich eine Fahreignungsfahrt absolviert und wurde vor der definitiven Einstellung von einem Vertrauensarzt nochmals auf die gesundheitliche und verkehrspsychologische Eignung überprüft. Im ersten Monat der Anstellung wurde mir die Theorie, also die Regeln, der Umgang mit den Fahrzeugen, Streckenkenntnisse sowie die Bedeutung der Signale gelernt und die ideale Fahrweise in einer Fahrschule beigebracht. Im zweiten Anstellungsmonat habe ich mich zusammen mit einem Lehrmeister auf die Strecke begeben und gemäss Fahrplan Fahrgäste transportiert, damit ich dann ab dem dritten Monat meiner Arbeit selbständig nachgehen konnte.

Der Anteil an Frauen in meinem aktuellen Beruf beträgt bedauerlicherweise weniger als 20 %. Die Verkehrsbetriebe wollen dies ändern, indem mittels Stellenausschreibungen gezielt Frauen angesprochen werden.

Die Schichtarbeit hat mein Privatleben im Gegensatz zu den früheren Jobs etwas verkompliziert. Regelmässige Hobbys sind schwierig und das Zusammenleben mit einem Partner, der von Montag bis Freitag zu fixen Zeiten arbeitet, erfordert Offenheit, Verständnis und Flexibilität. Ich werte diese kleinen Herausforderungen jedoch positiv: So bleibt auch das Privatleben stets spannend. Meine unregelmässigen Hobbys sind: Freunde treffen, lesen, Sport machen, den Garten pflegen und die Natur geniessen.

Schichtarbeit würde ich bei einem Arbeitswechsel erneut in Erwägung ziehen. Aktuell strebe ich jedoch keine berufliche Änderung an. Trotzdem hege ich Interesse an einer Tätigkeit im Bereich «Sicherheit». Meine Neugier würde nämlich nicht zulassen, einen bereits kennengelernten Beruf erneut auszuführen.

*Name geändert


Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Tramfahrerin / des Tramfahrers?

3 Gedanken zu „Tramfahrerin“

  1. Es ist immer wieder spannend diese Einblicke in Berufe zu bekommen.
    Bei vielen denkt man zu wissen, was die Mensche dahinter arbeiten… doch dem ist nur in Teilen so.
    Nur 20% weibliche Tramfahrerinnen, interessant – wahrscheinlich geht es mit Busfahrerinnen ebenso.

    Alles Liebe, Katja

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