Stadtführerin

Martina, 43 Jahre alt und wohnhaft in Uetendorf, ist seit 2009 leidenschaftliche Stadtführerin in Thun.

Die Stadt Thun ist eine Drehscheibe, da sie sehr gut platziert sowie positioniert ist. Mit der Zeit ist sie mit über 44’200 Einwohnern zu der elft grössten Stadt der Schweiz gewachsen. Auch ihr Wirtschaftsraum gehört zu den wichtigeren. So bietet Thun und deren Umgebung etwa 44’000 Arbeitsplätze an. Unter anderem in der Maschinenindustrie, im Tourismus, im Spital, in der Administration und nicht weniger wichtig beim Militär.

Ich bin halbtags im Tourismus Center Thun beschäftigt, wo ich unsere Gäste empfange und betreue. Ansonsten bin ich Hausfrau mit zwei Kindern und eben Stadtführerin. Bei neuen Buchungen werden ich oder die anderen Stadtführer/-innen vom Tourismus Center angefragt. Dabei achten Sie auf die Fähigkeiten der Führer und eine faire Verteilung der Führungen. Infolge meiner verschiedenen Tätigkeiten erlebe ich keinen geregelten Tagesablauf, sondern stets Abwechslung pur.

Schon direkt nach der Schule habe ich den Weg in die Tourismusbranche eingeschlagen. Begonnen hat alles mit der Handelsmittelschule, in welcher ich wichtige Grundlagen gelernt habe. In einem Zürcher Hotel habe ich dann meine ersten Erfahrungen als Rezeptionistin sammeln können, bevor ich meinen Traum verwirklicht habe und mich bei der Swiss Air als Flugbegleiterin beworben habe. Ehe ich dann als Stadtführerin nach Thun gekommen bin, habe ich eine lange Zeit am Flughafen Belp gearbeitet.

Stadtführer/-in ist bis heute kein geschützter Titel, also ohne eidgenössischem Fachausweis. Die Vereinigung Association Suisse des Guides Touristiques, der schweizerische Tourismusverband und andere Organisationen wollen jedoch einen Abschluss mit Diplom für Reiseleiter/-innen und Stadtführer/-innen aufgleisen. Früher haben wir die Bezeichnung Stadthostessen getragen. Dieser Name hat aber bald nicht mehr gepasst, als ein Mann dazu gestossen ist. Heute sind wir in Thun 12 Stadtführerinnen und ein Stadtführer.

Auf die Frage, ob die Führungen für mich mit der Zeit nicht langweilig und monoton werden, kann ich mit einem ganz klaren «Nein» antworten. Im Gegenteil! Mit den verschiedenen Gruppenzusammensetzungen und den daraus entstehenden Gruppendynamiken stellen sich mir immer wieder neue Herausforderungen und vor allem abwechslungsreiche eineinhalb Stunden. Wir Stadtführer-/innen in Thun haben kein vorgegebenes Drehbuch. Die jeweiligen Führungen passe ich daher den Bedürfnissen der einzelnen Gruppen an, denn auch bei mir ist der Kunde König. Als Beispiel: Über das Selve Areal erzähle ich jungen Zuhörern vom ehemaligen Ausgangsviertel, Wirtschaftsbegeisterten über die damaligen Fabriken und Architekten von den aktuellen Neuerungen.

In manchen grösseren Städten der Schweiz durchlaufen die angehenden Stadtführer/-innen mehrere Lehrgänge mit strengen Abschlussprüfungen. Bei uns läuft dies etwas anders ab: Mit Büchern, Zeitungen, Recherchen im Internet und bei Begleitungen von erfahrenen Stadtführer/-innen habe ich mir mein Wissen selber angeeignet. Nach einer individuellen Einführungsphase ist die erste eigene Führung mit der Premiere eines Theaterstücks zu vergleichen. Nun besuche ich regelmässig spannende Weiterbildungen, die mir neues Wissen und neue Ideen lernen. Wobei ich von meinem Wissen nur etwa 40 % aktiv bei den Führungen benutze. Die restlichen 60 % dienen der Beantwortung von möglichen Fragen. Recherchen, Vorbereitungen und Materialbeschaffungen tätige ich in meiner Freizeit. Dieser Teil meiner Arbeit geschieht also unentgeltlich. In meinem Team ist es wichtig, dass jeder seine Fähigkeiten entfalten und vor allem seine Stärken in die Führungen einbringen kann. Es sollen keine eintönigen Standardführungen entstehen. Unser Vorgehen hat sich bewährt, denn auch ohne spezifische Ausbildung ist unsere Qualität sehr hoch. Was übrigens auch Stadtführer/-innen aus anderen Städten immer wieder voller Neid zugeben. Meiner Meinung nach ist dies wie ein Adelsschlag.

Je nach Stadtführer/-in werden die Führungen in unterschiedlichen Sprachen angeboten. Übergeordnet in den folgenden fünf: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Persönlich führe ich Touristen in Gruppen bis zu 20 Personen in Deutsch und Englisch durch die Stadt. Der grösste Teil unserer Kunden kommt tatsächlich aus der Schweiz. Einheimische nehmen aber eher weniger an unseren Programmen teil. Andere reisen aus Deutschland, Frankreich und Italien an. Natürlich schauen auch Personen aus dem asiatischen und arabischen Raum sowie aus Übersee in Thun vorbei. Oftmals aber eher als Alternativprogramm ohne Führung, wenn beispielsweise das Wetter für eine Wanderung oder für ein anderes Programm nicht mitspielt.

Im Tourismus Center Thun gibt es verschiedenste Führungen zu buchen. Tourismus ist eine saisonale Angelegenheit und bei uns klar auf den Frühling, Sommer und Herbst ausgelegt. Unter anderem wegen den Temperaturen halten wir die meisten Führungen in den wärmeren Monaten. Um das Weihnachtsgeschäft zu beleben, bieten wir gerade in der kalten Jahreszeit Spezielles, wie Adventsbummel und kulinarische Programme, an. Bei ersterem gehen wir auf die Weihnachtszeit ein und bei zweiterem machen wir eine kleine Reise von Restaurant zu Restaurant in der winterlichen Stadt. Weitere Angebote für die kältere Jahreszeit sind in Planung.

Mich fasziniert der Kundenkontakt, die Vielseitigkeit und Abwechslung in meinem Job. Bei jeder Führung habe ich die Chance Menschen aus der ganzen Schweiz oder gar aus aller Welt kennenzulernen und ihnen meine Heimat zu zeigen. Dazu kommt die Aufrechterhaltung meines Wissens, was mich fordert und fördert. In meinem Alltag treffe ich fast nur fröhliche und aufgestellte Menschen, die ja meist freiwillig an einer meiner Rundgänge teilnehmen. Schon vieles habe ich von den Teilnehmern gelernt und etliches davon auch schon in meine Führungen eingebaut. Das Interesse meiner Kunden erfreut mich jedes Mal von Neuem. Ab und zu gibt es auch knifflige Situationen zu meistern; Etwa, wenn der Funke nicht auf die Gruppe überspringt, die Teilnehmenden vielleicht nach einem Wiedersehen lieber miteinander sprechen oder sich mit meinem Wissen messen möchten. Ich nehme mich diesen Herausforderungen aber jederzeit gerne an.

Schon als junge Frau, vielleicht mit 20 Jahren, habe ich davon geträumt meinem jetzigen Beruf nachzugehen. Darauf hingearbeitet habe ich dann aber trotzdem nicht aktiv. Wohl eher zufällig bin ich dann zum Tourismus Center Thun gekommen. Meine aktuelle Berufung möchte ich heute nicht mehr missen und würde diesen Weg auf jeden Fall nochmals gehen. Ansonsten würde ich mir vermutlich wieder einen anderen Beruf an der Front mit viel Kundenkontakt suchen. Wenn möglich wieder in der Tourismusbranche.

Reise ich mal ins Ausland oder in andere Schweizer Städte, nehme ich sehr gerne auch an Führungen teil. Zum einen um neues über andere Orte zu erfahren und zum anderen um neue Ideen zu sammeln. In meiner Freizeit lese ich ansonsten sehr gerne fiktive und historische Romane, gehe ins Kino oder geniesse einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher. Natürlich hat aber meine Familie den grössten Stellenwert.

Mein Lieblingsort um den Thunersee ist ganz klar die Stadt Thun mit dem Schadaupark. Ich finde es grossartig, dass ich in dieser schönen Stadt Führungen durchführen darf.
Weitere Informationen:

Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Stadtführerin / des Stadtführers?

20 Gedanken zu „Stadtführerin“

  1. Das klingt nicht nur nach einem schönen beruf, sondern auch, als hätte da jemand seine Berufung gefunden 🙂 finde ich richtig schön, wenn alles so passt!

    1. Liebe Tina, danke für deinen Kommentar 🙂 Martina scheint wirklich den richtigen Beruf gefunden zu haben und führt ihn spürbar mit Herzblut aus. Wirklich toll, gibt es solche Menschen!

    1. Liebe Verena, danke für deinen Kommentar 🙂 Es ist wirklich super, dass es solche Führungen mit motivierten Stadtführern gibt. Martina hat ihre Berufung wirklich gefunden und macht ihre Arbeit einfach super.

  2. Ich hab schon an einigen Stadtführungen teilgenommen und bin immer sehr beeindruckt, welches Wissen die Führer haben. Und dieses echt voller Leidenschaft rüberbringen. Das ist jedes mal toll!

    1. Liebe Bea, danke für deinen Kommentar Stadtführer müssen sich wirklich ein grosses Wissen aneignen und dieses immer aktuell behalten. Es ist wirklich toll, was man bei solchen Führungen alles erfährt.

  3. ein super informativer Bericht! ich habe mich noch nie damit befasst, dass man mit Stadtführungen sein Geld verdienen kann … aber warum nicht, wenn es die Leidenschaft ist 🙂

    1. Liebe Tina, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Es gibt noch viele Berufe, die wir nicht gut kennen. Ich freue mich sehr, durfte ich dieses Interview führen und einen wohl eher seltenen Beruf kennenlernen.

  4. Nicht nur sehr schöne Bilder sondern auch sehr informativ. Ich muss gestehen, ich habe noch nie an einer Stadtführung teilgenommen aber es scheint sehr interessant zu sein!

    1. Liebe Eileen, danke für deinen Kommentar 🙂 Stadtführungen sind wirklich eine tolle Sache. Ich durfte meine erste Führung direkt mit Martina erleben. Sie hat dies wirklich toll gemacht und ich habe meine Stadt noch besser kennengelernt.

  5. Hört sich total interessant an! Denke dass ist ein toller Beruf den Menschen die Heimat ein wenig näher zu bringen! Danke für den tollen Bericht

    1. Liebe Julia, herzlichen Dank für deinen Kommentar So sehe ich das auch. Über jede Ortschaft gibt es so viel zu erfahren und ein Städtetrip lässt sich super mit einer Führung verbinden.

    1. Liebe Denise, danke für deinen Kommentar 🙂 Dieser Beruf scheint wirklich schön und abwechslungsreich zu sein. Martina führt ihn wirklich mit grosser Begeisterung aus. Dies durfte ich bei einer Führung miterleben

  6. Eine Freundin von mir ist in China Stadtführerin und durfte an einem Tag mal sie begleiten. Ich fand es sehr interessant, aber auch anstrengend den ganzen Tag so durch die Stadt zu fahren und währenddessen immer eine Geschichte auf Parat zu haben ^^

    1. Liebe Ting Ting, danke für deinen Kommentar 🙂 Während dem Interview habe ich auch eine Stadtführung genossen, was mir einen super Einblick in diesen Beruf ermöglicht hat. Der Beruf ist sicherlich sehr abwechslungsreich, aber auch nicht Ohne

  7. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass StadtfüherIn ein total abwechslungsreicher Beruf ist und wenn man die Stadt liebt, in der man tätig ist, wird es bestimmt niemals langweilig!
    Spannend finde ich, dass die Anforderungen so unterschiedlich sind, man in der Schweiz zb Lehrgänge dafür machen muss. Auf jeden Fall ein sehr interessanter Einblick in einen sehr ausgefallenen Beruf!

    1. Hallo Elena, danke für deinen Kommentar 🙂 Stadtführerin ist auf jeden Fall ein cooler Beruf und natürlich auch sehr wichtig. Ich durfte selber eine Stadtführung miterleben und war begeistert. Viel Spass beim Umsehen 🙂

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