Pfarrerin

Annemarie, 41 Jahre alt mit Wohn- und Arbeitsort in Steffisburg, arbeitet als Pfarrerin in einem breiten Aufgabengebiet und begleitet Jung und Alt auf ihrem Lebensweg.

Der Glaube an Gott begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Für mich ist bereits als Kind spürbar gewesen, dass eine geistige Kraft existiert, die unsere Welt zusammenhält und die Menschheit auf ihrem Weg begleitet.

Mit meinem Glauben bin ich nicht alleine, denn er gibt zahlreichen Menschen Kraft und auch Hoffnung in schwierigen Zeiten. Dass die Kirche auch in Zeiten weiterexistiert, in denen sie starkem Gegenwind ausgesetzt ist, verdanken wir den vielen Freiwilligen, welche sich in verschiedensten Bereichen einsetzen.

Wie sich die Welt ständig weiterentwickelt und somit verändert, tut dies auch der Glaube (auch meiner). In der heutigen Zeit scheinen unsere Möglichkeiten grenzenlos zu sein, was die Abhängigkeit eines festen und stützenden Glaubens in den Hintergrund drängt. Somit teilen nicht alle Menschen, die ich beruflich oder auch privat treffe, meine Überzeugung. Gegenseitiger Respekt ist mir aber in dieser Hinsicht von grosser Bedeutung, weshalb ich niemandem eine Sicht- und Denkweise aufzwingen will und das Verständnis für verschiedenste Glaubensrichtungen aufzubringen versuche.

Auf das Theologiestudium bin ich aufgrund meiner Suche nach dem Sinn des Lebens und nach Antworten auf meine Fragen über Gott und die Welt eher zufällig aufmerksam geworden. So habe ich mich nach meiner ersten Lehre zur Köchin und einem Zwischenjahr, in welchem ich unter anderem einen Sprachaufenthalt in Neuenburg absolviert habe, entschieden die zweijährige Berufsmaturität an einer Kirchlich-theologischen Schule zu absolvieren und darauffolgend die Universität in Bern zu besuchen. Während des Studienlehrganges habe ich nicht nur schulisch viel Wissen übermittelt bekommen, sondern auch ein Praktikumssemester, zu vergleichen mit einer längeren Schnupperlehre, und auch eine Art einjährige «Berufslehre» unter der Obhut eines Lehrpfarrers absolviert. Während meiner Ausbildung habe ich zusätzlich für einige Monate meinen Praktikumslehrpfarrer vertreten, was sicherlich eine gute Übung für das jetzige Berufsleben gewesen ist und mir gezeigt hat, dass ich mit meinen Überzeugungen einen Platz in der Kirche habe. Somit hat meine Ausbildung sechs Jahre gedauert.

Heute arbeite ich in einem Pensum von 80 % in der reformierten Kirchgemeinde Steffisburg. Im Moment bin ich noch Staatsangestellte, aber aufs Jahr 2020 werden alle Pfarrerinnen des Kanton Bern nicht mehr via Staat, sondern via Gesamtkirche angestellt und entlöhnt.

Der Ablauf meiner Arbeitstage ist aufgrund eines breitgefächerten Aufgabengebietes nicht einheitlich zu definieren. Auch die vielen Begegnungen mit Menschen aus allen Altersklassen und allen Schichten tragen zu purer Abwechslung bei. Mit der jüngeren Generation befasse ich mich in erster Linie bei Taufen, bei der punktuellen Teilnahme an angebotenen Geschichtenstuben, welche den früheren Sonntagsschulen ähneln und im Unterricht der kirchlichen Unterweisung (KUW). Speziell bei der Durchführung des Konfirmationslagers mit den 8. Klässlern und der Feier der Konfirmation mit den 9. Klässlern bin ich intensiver mit Jugendlichen unterwegs.
Mit älteren Menschen komme ich in der angebotenen Seelsorge in Kontakt, bei welcher ich mit den betroffenen Personen an einem gewünschten Ort über Probleme, Wünsche, offene Fragen, Gott und die Welt spreche. Eine weitere Hauptaufgabe, bei welcher ich im Moment mehrheitlich auf ältere Menschen treffe, ist die Vorbereitung und Durchführung von Gottesdiensten, welche ich ungefähr zweimal monatlich an einem Sonntag und ab und zu auch in Heimen durchführe. Betreffend den Inhalten meiner Predigten geniesse ich eine grosse Freiheit. Persönlich orientiere ich mich weitgehendst an den Textvorschlägen zum Kirchenjahr.

Neben den aufgezählten Aufgaben übernehme ich weitere Verantwortungen bei der Trauung von Paaren, bei Abdankungen und Beerdigungen von verstorbenen Personen und der Erledigung von diversen administrativen Arbeiten.

Offiziell geniesse ich jeweils am Samstag und Montag meine freien Tage, an welchen ich regelmässig Fussball spiele, im Kirchenchor singe, die Natur geniesse und Zeit mit meiner Familie verbringe. Als Pfarrerin gestaltet sich die Trennung der beruflichen und privaten Tätigkeiten jedoch nicht immer einfach, da ich direkt im Pfarrhaus wohne, welches in unmittelbarer Nähe der Kirche steht und zusätzlich mein Büro beherbergt. Vorteile sind andererseits der fehlende Arbeitsweg und die Möglichkeit, die Arbeitszeiten weitgehend selber einzuplanen.

Als Pfarrerin darf ich mich täglich mit den für mich persönlich wichtigsten Fragen des Lebens und Sterbens auseinandersetzen und unterschiedlichste Menschen bei ihren grössten Freuden sowie in deren schwierigsten Momenten begleiten und unterstützen. Als wichtigste Eigenschaften einer Pfarrerin betrachte ich Offenheit gegenüber anderen Menschen, deren Glaubensrichtung und Weltanschauung zu haben, die Fähigkeit des guten Zuhörens zu besitzen und ein grosses Einfühlungsvermögen aufzuweisen. Ausserdem zähle ich eine gute Teamfähigkeit zu einem weiteren Vorteil, denn im Verlaufe meines Alltages arbeite ich mit Personen aus zahlreichen Berufen zusammen, wie zum Beispiel mit Sigristen, Organisten, Sozialdiakone, KUW-Mitarbeiter, Katecheten, Bestatter, Friedhofsgärtner sowie auch Mitarbeiter der kirchlichen Verwaltung, ab und zu Sozialdienstmitarbeiter der politischen Gemeinde und Heimleiter.

Mir gefällt mein Beruf sehr. Ich erlebe laufend schöne Momente, die mir in Erinnerung bleiben. Aus der Zusammenarbeit und dem Austausch mit Jung und Alt ergeben sich immer wieder lustige, schöne und überraschende Momente. Sei dies, wenn die kleineren Kinder im Unterricht voller Hingabe mitsingen, die Konfirmanden ihre volle Kreativität bei der Gestaltung ihrer Feier einbringen oder ich jemandem mit Gottes Unterstützung helfen kann. Somit würde ich die gleiche Ausbildung auch heute mit Freude noch einmal antreten. Müsste ich mich zurück in die Berufswahl versetzen und wäre mir der berufliche Weg zur Pfarrerin verwehrt, würde ich wahrscheinlich eine Tätigkeit mit Tieren, der Natur oder Menschen wählen. Konkret weiss ich allerdings nicht, wo mich mein Leben bei einem erneuten Start hinführen würde. Doch mit Vertrauen auf die Begleitung durch die göttliche Weisheit scheint jeder erträumte Weg, welcher der eigenen Entwicklung und der Menschheit dient, gangbar. Deshalb bin ich überzeugt, dass jeder seinen persönlichen Weg finden und meistern kann.

Meine Fragen an dich:
– Was ist deine Meinung zum Text?
– Was ist deine Meinung zum Beruf der Pfarrerin / des Pfarrers?

18 Gedanken zu „Pfarrerin“

  1. Ich denke Pfarrer(in) wird sehr oft als Beruf unterschätzt, dabei ist es sehr abwechslungsreich. Mein Onkel ist ebenfalls Pfarrer und hat immer viel zu erzählen, auch wenn er inzwischen keine feste Pfarrei mehr hat.

    1. Liebe Carry, danke für deinen Kommentar 🙂 Kann ich mir auch gut vorstellen. Von diesem Beruf ist ja leider auch nicht so viel bekannt. Toll, dass du durch deinen Onkel schon Einblicke in dieses Berufsfeld erhalten hast.

  2. Sehr interessant. Ich stelle mir den Beruf sehr schön vor, da man sehr nah mit Menschen arbeitet und noch schöner, wenn man so in seinem Beruf aufgeht und dahinter steht. 🙂

    1. Liebe Denise, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Kontakt mit verschiedenen Menschen hat man in diesem Beruf zur Genüge. Wie du, finde ich es auch super, dass Annemarie so glücklich mit der Berufswahl ist. Der Beruf passt einfach zu ihr.

  3. Sehr interessante Einblicke! Mit Pfarrern hat man ja meist sehr selten zu tun und mit Pfarrerinnen daher umso weniger… Ein spannender Job, der vermutlich viel mehr ist, als nur Arbeit.

    1. Liebe Emilie, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Dieses Berufsbild ist wirklich eher unbekannt. Daher habe ich mich sehr auf dieses Interview und die Erarbeitung des Textes gefreut.

  4. Vom Beruf Pfarrerin hört man je eher selten etwas. Ich finde es auf jeden Fall schön, dass sie ihren Beruf so gerne macht. Das sollte ja im Grunde bei uns allen so sein.

  5. Ein sehr vielseitiger Beruf! Manche Aspekte vergisst man ganz …
    Bei mir hat es übrigens und zugegebener Maßen schon einige Zeit gedauert, bis ich mich an weibliche Pfarrer gewöhnt hatte.

  6. Danke für diese tollen Einblicke in das Berufsfeld. Ich habe schon immer die Pfarrer bewundert, weil sie so viel mehr sind, als ein Botschafts-Übermittler in der Kirche. Sie helfen auch außerhalb der Kirche in vielen Familien und das finde ich sehr wichtig.

  7. Wow, Respekt! Ich denke so ein Beruf wäre gar nichts für mich, aber es ist trotzdem wichtig, dass Menschen wie Annemarie diese Tradition und diesen beruf erhalten und weitergeben! Da ich Katholikin bin, kommen eh nur männliche Pfarrer in Frage 🙂

    1. Liebe Melanie, danke für deinen Kommentar 🙂 Auch für mich wäre dieser Beruf nicht die richtige Wahl. Aber wie du finde ich es wichtig, dass es Menschen gibt, die in dieses Berufsbild passen.

  8. Ich finde es wirklich toll das du dir diesen Job ausgesucht hast. Ich weiß durch meinen Job wie wichtig es ist Pfarrer zu haben. Ich bin selbst Altenpflegerin und begleite auch viele beim Sterben.

    1. Liebe Jasmin, herzlichen Dank für deinen Kommentar 🙂 Ich denke, dass jeder Beruf seine Wichtigkeit hat und wir können froh sein, dass wir so unterschiedliche Fähigkeiten und Interessen haben. Es gibt also für jede Person einen passenden Beruf

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